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Skitour

 

Grünsteinscharte – Höllengenuss

 

In diesem Winter kann man als Skifahrer ja nicht meckern. Oder sollte es zumindest nicht. Es hat schon früh Schnee gegeben und davon liegt trotz einiger Wärmekapriolen immer noch genug, dass man weiterhin seinen Spaß haben kann. Benni kann davon gar nicht genug haben, schließlich fehlt ihm gerade ein Kreuzband bzw. dessen souveräne Verbindung zum Knochengestell. Diese soll nun ein Profi wieder herstellen, der Termin steht in einem Monat. Dann ist erstmal Schluss mit lustig, also will Benni bis dahin noch Spaß haben. Verständlich, noch gibt es kein PIN-Fitting für Krücken.


Ich will natürlich auch Spaß. Generell, denn meine Kreuzbänder sind soweit in Ordnung. Trotz Hallenfußball.

Flo sowieso, aber der ist auch bei der Feuerwehr.


Kurz und gut, Benni will es sonnig und gemächlich. Damit er ein bisschen Farbe auf die Nase bekommt und sein Knie eine Chance hat. Die Lawinenlage ist denkbar unproblematisch und die Verhältnisse im Hochwinter frühlingshaft. Sein Beschluss lautet Grünsteinscharte und zwar von Süden. Mir ist das recht, ich war da bislang nur im Zuge der klassischen Grünsteinrunde und das ist schon einige Zeit lang her. Nach wie vor scheint diese Reibn, von der bayerischen Seite aus anreisend, das bevorzugte Ziel zu sein.  Die Südvariante ist offensichtlich eher in Tiroler Hand. Ein Grund mehr sich das mal anzuschauen.


Eigentlich will Benni noch zur Nachtzeit los, vordergründig um dem Ausflugsverkehr zu entkommen, eigentlich um einen Grund für seine latente präsenile Bettflucht zu haben. Ich mahne etwas zur Zurückhaltung, schließlich soll das Ganze auch eine Chance zum Auffirnen bekommen. Der Kompromiss lautet 7:00 Abfahrt am Waldfriedhof. Gesagt, getan. Er lädt erst Flo und dann mich in sein Gefährt und schon brausen wir gen Süden. Einige andere Viele leider auch schon und so kommt es wie es halt so ist. Ab Oberau schiebt man sich nur noch zäh in einer Blechlawine weiter. Zefix. Dafür fällt ein kurzer Boxenstop beim garmischer Bäcker auch nicht mehr ins Gewicht. Das ist dann wieder ganz schön.


Nachdem der Abzweig zur Zugspitzbahn passiert ist, sollte es eigentlich zügig weitergehen. Tut es dann auch einigermaßen, zumindest nachdem ein Wohnfahrzeug mit gelbem Nummernschild hinter uns gelassen werden konnte. Benni bekommt daraufhin auch seinen Puls wieder in den Griff. Kurz vor dem Fernpaß ist dann aber wieder Schluss und Aus und Stillstand. Ganz anders bei Benni, sein Kreislauf nimmt wieder Fahrt auf. Der seit Lermoos vor uns fahrende überdimensionale Abschleppwagen hätte uns eigentlich schon vorab nachdenklich stimmen können. Zum Glück geht es aber bald weiter und dann sehen wir bei der ersten relevanten Kurve nach Überqueren der Passhöhe den Stein des Anstoßes. Ein italienischer Lastwagen hatte sein Glück im angrenzenden Wald gesucht und blockierte mit seinem nicht ganz versenktem Hinterteil die bergauf führende Straßenseite. Bis auf entsprechenden Flurschaden war offensichtlich nichts passiert. Flo fühlt sich als Fachpersonal nicht angesprochen, wir nehmen das aufatmend zur Kenntnis. Genauso wie den infernalischen Totalstau auf der Gegenspur, der bis runter zur Autobahn und auch noch in diese hinein an uns vorbeizieht. Der Entschluss, für die Rückfahrt eine andere Route zu suchen, steht.


Mit etwas Verspätung kommen wir beim Gasthof Arzkasten an, reihen uns beim Parkplatz als teutonische Exoten zwischen die bereits parkierten locals ein und lösen das im Nachbarland mittlerweile flächendeckend obligatorische Ticket. Flo raucht noch eine und dann kann es losgehen.

 

 


Da geht’s los

 

 

 

Wir schieben über eine prächtig polierte und eher flächliche Rodelbahn mehr vor- und wenig aufwärts. Der Himmel macht einheitlich auf blau aber noch beißt die Kälte etwas. Das gemächliche Gelände heizt den Motor auch noch nicht so richtig an.

Den Abzweig vom Kufenhighway verpassen wir nicht und damit gewinnen wir langsam ein paar Höhenmeter. Der nebenan rauschende Bach verbreitet zwar eine heimelige Stimmung, sorgt aber weiterhin für kühle Luft. Das Schwitzen hält sich noch in Grenzen.

Wir wechseln die Bachseite und langsam kommt das Tagesziel in Sicht. Eigentlich unverfehlbar, einfach geradeaus.

 

 


Zielblick

 

 

Das ändert sich, als die Hauptspur haarnadelig abbiegt und ein paar andere Skispuren, die direkt, eben einfach geradeaus, auf unser mittlerweile am Horizont auftauchendes Tagesziel zu, weiterführen. Nach kurzer Denkpause entscheiden wir uns gemeinschaftlich für die Version einfach geradeaus am Bachbett entlang. Im Nachhinein wurde dieser Abschnitt „Bennivariante“ getauft, schließlich muss ja einer Schuld gewesen sein.

 

 


Benni startet in seine Variante

 

 

Denn diese, sagen wir mal Abkürzung, erwies sich zunächst als leidlich unwegsam und dann gerüttelt spitzkehrensteil, um irgendwie wieder in die genüssliche Hauptspur einfädeln zu können. Immerhin wird uns dadurch endlich richtig warm.

 

 

 
Flo wird warm

 

 

Außerdem umschiffen wir damit zuverlässig das auf dem eigentlich ordnungsgemäßen Weg liegende Lehnberghaus und die dort lauernde Gefahr eines allzu verfrühten Einkehrschwunges.

Der Weg führt in das sich zunehmend öffnende und freier werdende Tal, die Sonne blinzelt über den Kamm und die Blicke werden weiter. Eigentlich eine rundum freundliche Stimmung. Warum das ganze hier „Höll“ genannt wird, kann man an solch einem prächtigen Tag nicht ganz nachvollziehen.

 

 



höllisches Vergnügen

 

 

Von links kommen ein paar Grünsteinumrunder aus der Höllscharte und mühen sich redlich bei der Querung in den Lawinenbuckeln der letzten Tage, da deucht uns die Benamsung schon eher plausibel. Auf unserer Route kommen wir mit den Bollerkegeln nicht in Berührung und ziehen geradewegs auf das prächtige Kar der Höllreisen zu. Richtung Stöttltor sind auch zwei unterwegs, wir sind aber auf geradeaus gepolt.  Der Weg ist frei und eine klare Sache, der Tempomat wird eingestellt.

 

 


klare Sache

 

 

Der Untergrund ist harschig und das Bisschen Neuschnee, das darauf liegt, hat keine Bindung. Die Felle greifen schlecht. Sobald sich das Kar etwas aufsteilt, wird mir das Gerutsche in der flachen Spur zu lästig, ich wähle die steile und kurvenarme Diretissimavariante. Da halten wenigstens die Felle und die Pumpe bekommt auch genug zu tun.

 

 


direkter Rückblick

 

 

Solange man den Rhythmus halten kann, spart man sich auf diese Weise auch ein bisschen Aufstiegszeit. Die kann dann zum Rumschauen und Vespern wieder zielgerichtet eingesetzt werden.

 

 


direkter Raufblick

 

 

Oben angekommen, kann man auf die andere Seite runterschauen, das ist nichts Überraschendes. Hier sieht man unter Anderem das Tajatörl.

 

 


direkter Rüberblick

 

 

Heute ist es zwar uneingeschränkt sonnig, aber wie das in einem Sattel halt oft so ist, bläst es unangenehm und lädt nicht so richtig zum Verweilen ein. Wir wollen aber.

 

 


 Benni kommt der Sache näher…

 

 

Zum Glück kann man mit kurzem Gestapfe nach links um die Ecke in eine wunderbare Nische dem Gebläse entfliehen.

 

 


 … und schaut auch gleich nach links

 

 

Das gemütliche Sonnenplätzchen haben wir für uns allein und so machen wir es uns gemütlich.

 

 


Flo stapft

 

 

Übertriebene Eile wäre heute wirklich fehl am Platz. Wir schauen weite Blicke, kauen unsere Brotzeit und denken Alles oder Nichts.

 

 

 
Weitblick

 

 

Dabei wundern wir uns nur kurz, wo man überall ein Fahrrad abstellen kann.

 

 

 
Fahrradstellplatz

 

 

Irgendwann mal wird dann Benni doch nervös. Er hat noch das Lehnberghaus auf seiner Tickliste. Na gut, das haben wir ja auch.

 

 

 
akute Nervosität

 

 

Wir packen zusammen und klicken uns in die Bindungen. Direkt von unserem Rastplatz geht es mit einer steileren Einfahrt in die Rinne. Die ersten Schwünge sind noch etwas verhalten, um anzutesten, ob der Deckel trägt oder es doch eher grausiger Bruchharsch wird.

 

 

 
Testgelände

 

 

Wir haben Glück und insbesondere am rechten Rand lässt es sich meist entspannt runterkurbeln. Teilweise kommt sogar ein brauchbares Surffeeling auf. Jäh unterbrochen vom fallweisen Geschrammel auf Wasserrillen. Aber richtig bösartig wird es nirgends, das hätte auch nicht zu dem wunderbaren Tag gepasst.

 

 

 
Surfgelände

 

 

Weil wir uns bei der Abfahrt strikt an die amtliche Hauptspur halten, kommen wir auch zuverlässig am Lehnberghaus und vor allem dessen Sonnenterrasse an. Ein leckeres Gösserradler und viele Sonnenstrahlen später raffen wir uns auf, auch weil die Wankspitzler langsam einfallen und für zunehmend drangvolle Enge sorgen.

Beschwingt nehmen wir die flotte Restabfahrt auf der eisiggführigen Rodelbahn unter die Bretter, die rodelziehenden Trupps lassen sich gut umkurven. Das Sausen geht bis unten einwandfrei, erst unmittelbar an der Straße muss der ultimative Abschwung gesetzt werden.

Flo setzt am Auto noch seine Rauchzeichen und dann machen wir uns auf den Heimweg. Unter Vermeidung des Zirler Bergs gestaltet sich dieser über Seefeld und Walchensee problemlos.

Und da wir ab Urfeld in eine unappetittliche Nebelwand eintauchen, sind wir uns sicher, heute nichts verkehrt gemacht zu haben.

 

Facts:

Grünsteinscharte 2272 m NN, ca. 1120 Hm Aufstieg, 2,5 – 3,5 h rauf, 1 h runter.

23.01.2018 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 23.01.2018