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Alpine Klassiker

                                               

Fleischbank Dülfer Ost, Klassisches Kino an großer Wand

 

Für den Münchner, die dortigen Bayern und nicht nur für die hat ja der Kaiser einen besonderen Stellenwert. Dieser deckt in etwa die Bandbreite von Phänomen bis Sehnsuchtsort ab. Bleiben wir als Schuster beim Leisten und somit beim Felsen.

Da markiert der Kaiser die Ostgrenze der alpinen Hausgebiete der bayerischen Landeshauptstadt. So wie das Wetterstein die Westgrenze. Alles was darüber hinausgeht, ist nicht mehr heimisch. Landesgrenzen spielen sowieso keine Rolle.

Das Herzstück des Wilden Kaiser ist natürlich wild und heißt Steinerne Rinne. Und die heißt Rinne, weil es links und rechts steil rauf geht. Und gleich sowas von steil. Und steinern. Wer links oder rechts rauf will, muss klettern. Herrlich.

Aber erstmal muss man dorthin kommen.


Wenn man von der Griesenau auf dem anfänglich breiten Weg Richtung Stripsenjoch schlendert, prallt einen gleich die Fleischbank mit ihrer fabelhaften Ostwand an. Deren erste Durchsteigung war vor dem ersten Weltkrieg ein heißumworbenes Problem, das von Hans Dülfer letztlich auf seine hartnäckige Weise grandios gelöst wurde. Nun ja, nicht ganz, denn zwei Jahre vor ihm erkannte Otto „Rambo“ Herzog die Linie und erschloß die Risse bis zum ersten Quergang. Dabei verwendete er als erster sogenannte Schnappringe, Vorläufer der heutigen Karabiner. Schlechtes Wetter und Urlaubsende verhinderten weitere Versuche. Im Jahr darauf machten sich Hans Fichtl und Georg Sixt daran zu schaffen und lösten das Problem des ersten Quergangs mit Hilfe eines Seilzugquergangs, bevor ein Unwetter der Unternehmung mit entsprechend heiklem Rückzug epische Züge verpasste. Wieder ein Jahr später kam dann Dülfer. Das Plattenproblem war gelöst und ansonsten war er der Meinung, anders als manche heute, wo Risse sind, da kommt man rauf. Der erste Versuch endete im schlechten Wetter. Der zweite darin, dass die Kerle ihren Rucksack mit Material, Proviant und Tabakpfeife die Wand runter schmissen. Am dritten Tag aber passte alles und seine Spürnase zeigte ihm einen grandios eleganten Weg durch diese tolle Wand.


Damals, vor gut hundert Jahren, aufgrund der eingesetzten technischen Hilfsmittel, ein durchaus auch kontrovers diskutierter Meilenstein, ist die Dülfer Ost immer noch so etwas wie eine Eintrittskarte in die Wunderwelt des veritablen Kaiserkletterns. Trotz oder gerade wegen der übersichtlichen Sanierung und wegen der Art der Kletterei, die dem eingefleischten Löcher- und Knopffreund mit glättlichem Geplättel und verklemmtem Rissgewurschtel neue Perspektiven eröffnet. Nie hinterfotzig, aber doch fordernd. Und als Gesamtarrangement eine tolle Tagesunternehmung, die man immer mal wieder machen kann.


So auch vor ein paar Jahren, als unser Mehrgenerationenquartett nach dem ersten Drittel von einem herzhaften Gewitter aus der Wand gewaschen wurde und die spontan angesetzte Abseilaktion ihre eigenen Würze hatte. Der Wettersack hing also und wollte geholt werden. Dieses Mal zwar nur als Duo, dafür bleibt der Altersunterschied.


An der Mautstraße zur Griesenau wurde ja seit einiger Zeit der Mensch durch eine Schrankenmaschine ersetzt. Jetzt muss man zwar immer zahlen, braucht aber nicht mehr zu völlig überzogen nachtschlafender Zeit anrücken, um noch vor Arbeitsbeginn der Tiroler Raubritter kostenfrei durchschlüpfen zu können. Und da wir unter der Woche unterwegs sind, gibt es auch keinen Stress am Kassenautomaten. Kurz, es geht entspannt zum Parkplatz.

 

 

Die Griesenau ist wie immer erstmal viel asphaltierter Parkplatz, aber das in anunpfirsich wunderschöner Landschaft. Es bietet sich daher an, den Blick gleich nach oben zu richten, denn da zeigt sich lauter prachtvoll angesonnter Fels. Also raus aus dem Auto, Schuhe geschnürt, Säcklein auf den Rücken und los geht’s.


 


prachtvolle Aussichten



Die Omegawetterlage, wie sie von der brachialfemininen Wetterfee in den Tagesthemen genannt wurde, beschert uns schon am frühen Morgen höchst gehobene Temperaturen. Da passt sich das Tropfen von der Stirn, respektive Nase, an den Schrittrhythmus an, oder umgekehrt. Aber der Weg nimmt halt von alleine kein Ende, also muss man ihn unter die Füße nehmen. Nach dem Wald überlassen wir den Wanderweg seinem Schicksal und ziehen nach links über Schutt und dann Kraxelsteig direkt Richtung Steinerne Rinne aufwärts. Mit Beginn der Drahtseile gibt es endlich Schatten und ein leichtes Lüftchen verschafft zeitweise eine Ahnung von Abkühlung.

Ein besorgter Vater kämpft sich mit seinem hoffnungsfrohen Nachwuchs mühselig, die Klettersteigsets heftig und ordnungsgemäß benützend, auch hinauf. Das hier vollständig versammelte Technoelend lassen wir lieber hurtig hinter uns, schließlich haben wir ja noch etwas vor. Zur Aufmunterung beschmeißt uns zwischendrin noch eine herumschotternde Seilschaft in der Einstiegsrinne der Predigtstuhl-Nordkante mit Felspartikeln aller Art. Die Wurfkünstler beplärren sich gegenseitig zur Untermalung auch noch heftig. All das lädt nicht unbedingt zum Verweilen ein. Somit geht es in einem Zug nach oben, bis die rote Antenne der Notrufstation unmißverständlich klarmacht, dass man genug Höhenmeter hinter sich gebracht hat.

 

Kathi hat genug getan



Nochmal ein Blick in die Runde und die Entscheidung fällt dann doch auf die Dülfer-Ost. Weitere Ziele gäbe es ja mehr als genug, aber unser Wettersack hängt noch mittendrin, es ist nur eine weitere Seilschaft dort unterwegs und das auch schon auf Höhe des ersten Querganges. Eine Staubildung erscheint somit unwahrscheinlich, das Tagwerk steht.




Blick auf das Tagwerk



Ein Schluck aus der Pulle, das Chalkbeutelchen und weiteres nützliches Gerümpel umgeschnallt und los geht es rüber in die Querung zum Einstieg. Mittlerweile wird auch die meist durchgesichert. Wir machen das ab der Hälfte, wo ein kurzer Aufschwung ein kleines Zupacken erfordert.
Da ich zu faul bin, am Ende der Querung zu Kathi an den Stand runter zu klettern, nur um dann gleich wieder rauf zu müssen und sowieso schon das ganze Gerödel am Gurt hängen habe, starte ich gleich auf der linken Variante nach oben durch. Auf diese Weise kann man die ersten beiden amtlichen Seillängen zusammenfassen. Speckig glänzen tun beide, und ähnlich schwer sind sie auch, also ist das Wurscht.  Wenn auch nicht ganz original durch Einsparen eines mühseligen Originalüberhängchens. So ergänzen ein mittelkleiner Cam und/oder ein Nüsschen das vorhandene Altmetall zufriedenstellend und schon ist man oben.


beim Ergänzen von Altmetall



In diesem Stil geht es weiter zum nächsten Stand, die Sonne scheint, alles ist und uns geht’s gut.


Kathi geht es gut



Bis ich dann am Abzweig zum dem ersten Quergang stehe, der den Schlüssel zur Erstbegehung darstellte. Der fette Ringhaken weiter oben gäbe die Möglichkeit eines historisch korrekten Abseilmanövers. Mit heutigen Klebschuhen und, was das eigentlich Angenehme ist, einem strategisch günstigem Bolt sowie zusätzlichen Keilmöglichkeiten braucht es das aber nicht mehr und man kann sich luftig, schnell und frei darüber schwindeln.


Kathi beim Schwindeln



Wer allerdings den rechtzeitigen Abzweig nach links verpasst, kann weiter oben wunderbare Verhauer produzieren und herrlich Zeit verbrennen. Verlockende Haken und gebleichte Schlingerl gibt es grad genug, weshalb immer wieder jemand dieses Angebot bereitwillig wahrnimmt.
Ist man links am richtigen Stand angekommen, geht es in dieser Richtung, aber deutlich leichter, noch etwas weiter, bevor man dem logischen Weg folgend mal wieder nach oben darf. Die vor uns Werkelnden wollten hier gleich geradeaus rauf, liefen sich fest und haben jetzt gar nicht mehr so viel Vorsprung, sondern uns in Sicht- und Genickweite.
 


Kathi schaut nach links



Da wir ja durch das ganze Gequere recht weit links sind, geht es jetzt auf einer Rampe, die wenig Widerstand bietet, erst Mal wieder nach rechts. Nach dieser Rennstrecke hat man den Einstieg wieder unter sich, die Verschneidungswand vor sich und muss daher nach oben.

 

Kathi darf kurz mal rauf



Aber nur kurz, dann von dort geht es natürlich wieder nach links. Querenderweise.
Ein plattiger Quergang, der aber durchaus gutmütig und vor allem genußvoll ist, führt am liebevoll installierten Straßenschild vorbei.


Kathi auf dem Weg zum Schild



Schilder helfen sonst bei der Orientierung, dieses hier, da der Weg klar ist, macht eher Freude. Außer vielleicht beim Münchener Straßenbauamt, das das Schild wohl eher vermisst.
Nun gut, für uns ist ab hier eher wichtig, dass wir endlich endgültig im Schatten unterwegs sind. Es ist nämlich, wie den ganzen Sommer schon, so richtig warm. Und zwar so richtig richtig warm. Wie richtig warm es wirklich ist, merkt man vor allem daran, dass Kathi erstens den ganzen Tag in kurzer Hose und T-Shirt unterwegs ist, ohne zu jammern und zweitens, das muss einfach mal gesagt werden, wahrscheinlich das erste Mal seit sie auf der Welt ist, keine kalten Finger hat. Es muss also richtig richtig warm gewesen sein.


Kathi jammert über warme Finger



Damit die Kreisläufe schön in Schwung  und wieder ein paar Höhenmeter zusammen kommen, geht es zwei Seillängen in schönem Kletterlaufgelände nach oben.
Aber um die Tour rechtschaffen hinter sich bringen zu können, muss man jetzt natürlich wieder queren, nach links ums Eck. Und schon steht man in der Ausstiegsrinne. Dort ist es immer schön schattig. Im Frühjahr oder nach ergiebigem Regen ist es auch oft feucht bis nass. Und wenn es gar nicht so richtig warm ist, sogar vereist. Was dem Folgenden zweifelsohne eine besondere Würze verpasst. Denn jetzt kommen die vielbesungenen Ausstiegsrisse. Zartbesaitete Klettergenossen mögen einen neidischen Blick auf die gegenüber in der Sonne badende Gipfelstürmer richten, die den Predigtstuhl bereits erfolgreich erklommen haben.


badende Sonnenprediger



Predigen und beten mag zwar generell für Manche hilfreich sein, hier hilft für das Weiterkommen aber erstmal Klettern. Denn es folgen zwei steile, nicht allzu lange Seillängen, die einen schönen und vor allem abwechslungsreichen Einblick in das klassisch alpine Rissklettern ermöglichen. Es ist so ziemlich alles geboten von Klemmen, Rampfen, Wurschteln, Spreizen und Schuften, was man sich so wünschen kann. Aber nie so richtig unangenehm. Es ergibt sich immer zur rechten Zeit ein Rettungsanker, wo man sich entspannt stehend das weitere Vorgehen zurecht legen kann. Wer diese Entspannungsplätzchen allerdings nicht nutzt, kann sich schon aufpumpen und natürlich beliebig paniken. Oder predigen und beten. Oder einfach feiern. Jeder wie er mag und kann. Teils blankpolierte Griffe weisen deutlich daraufhin, dass erhöhte Transpiration hier keine Schande ist.
Kathi nimmt sich die erste der beiden Risslängen zur Brust. Hier ist weniger ein Klemmen gefragt, als sauberes Stehen und Zangengriffe pressen.


Kathi steht und presst



Aber wer kann, die kann und schon kann ich nachkommen.
Und darf natürlich weiter.  Es ändert sich das Bild bzw. der Riss etwas.
Man beginnt erstmal im rechten Risskamin, wo veritables 3D-Klettern gefragt ist. Je mehr Körperpartien beim sich Hochwinden gewinnbringend eingesetzt werden, umso einfacher tut man sich. Man darf nur die Vorwärtsbewegung nicht außen vor lassen, sonst steckt man fest.


3D-Klettern



Ist dieser rechte Schluf zu Ende, muss man sich an entspannend großen und prächtig glänzenden Griffen irgendwie nach links rausbasteln. Bis man in einem arm- bis schulterbreiten Riss landet, der kaum zu verfehlen ist, weil er gar zu verlockend und verklemmend ist.


der linke Arm klemmt schon mal



Alles Klemmen hilft nichts, man muss ihn halt auch hochwurschteln. Und zwar bis man das Ganze hinter sich hat.


nicht mehr verklemmt



Ab jetzt kraxelt man die Rinne noch eine Seillänge rauf und versucht möglichst wenig von dem lose herumliegenden Zeugs zu mobilisieren, um Nachfolgende nicht zu steinigen. Sobald man Pfadspuren erkennt, bindet man sich aus, schnauft zum Nordgrat hinauf und kraxelt der einfachsten Linie folgend linkshaltend zum Gipfel. Das sieht wie immer sehr nah aus und dauert dann gefühlt doch länger. Ist aber wirklich bald geschafft.
Da gibt es dann ein Kreuz und genug Platz für eine gemütliche Brotzeit. Man kann auf das Totenkirchl gucken und weiß dann auch schon, wo es zum Abstieg hingeht.


Da geht’s runter



Immer dem Pfeil und den Punkten nach, hinter dem Christaturm rum bis zu irgendeiner der im Laufe der Jahrzehnte immer mal wieder verlegten Abseilpiste bis zum Schuttkar, das den Knien gnädige Entlastung bietet.


Knie bei der Arbeit



Denn beim Restabstieg haben sie genug zu tun. Das sollen sie auch. Schließlich wartet auf der Griesner Alm das TAB




facts:
Fleischbank  2186 m, Ost-Wand „Dülfer“
Erstbegehung H. Dülfer und W. Schaarschmidt am 15.6.1912
Ca. 450 m Wandhöhe, ca. 600 m Kletterlänge, 13 - 14 SL, immer wieder rund um 5, im ersten Quergang und in den Ausstiegsrissen 6, oft leichter
Zustieg von der Griesenau über Jägersteig und Steinerne Rinne Richtung Ellmauer Tor bis man bei der Notrufstation über das Blockfeld zur Einstiegsquerung kommt (ca. 2 h). Hier auch Rucksack- und SchwitzeT-Shirtdepot. Man kann natürlich auch von Süden von der Wochenbrunner Alm über das Ellmauer Tor hierher kommen, hat dann aber natürlich gar keinen Schatten beim Aufstieg und braucht genauso lang.
Abstieg gut überdimensional rot markiert. Erst westseitig abklettern, ggf. 2 mal abseilen, dann auf gutem Pfad hinter dem Christaturm vorbei queren, etwas ansteigen und links ums Eck wieder hinunter zur Abseilpiste. Da gibt es immer mal wieder neue und alte Möglichkeiten. Am besten eher etwas rechts haltend im Sinne des Abstiegs 3 – 5 mal abseilend (je nach Seillänge) in das Schuttkar südlich des Christaturms (ca. 0,5 - 1h bis zum Depot) und dann wie man heraufgekommen ist, wieder herunter (ca. 1 h).
Absicherung vor Ort kaisertypisch teilsaniert, d.h. Standbolts, einzelne Zwischenbolts, wo es schwerer ist genug Zwischenhaken unterschiedlichster Güte, teilweise kann nach gusto ergänzt werden. Dafür sollte man ein paar mittlere Keile und Cams sowie Schlingen mitnehmen.

09.06.2016 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 09.06.2016