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Alpine Klassiker

 

Totenkirchl Westwand – Dülfer: quer der Nase nach

 

Der Wilde Kaiser ist ja nicht nur ein Kletterparadies sondern für mich auch ein Stück Heimat. Seit meiner frühen Jugend habe ich hier in zunehmend steilerem Gelände viel Zeit und Urlaub verbracht. An den anheimelnden Namen kann es jedoch kaum liegen, dass ich mich hier so geborgen fühle. Zwischen Predigtstuhl und Totenkirchl ist da nämlich immer noch Platz für eine Fleischbank. Na lecker. Wir gehen diesmal zum Totenkirchl, da weiß man wenigstens endgültig, woran man ist.

 

Die Westwand des Totenkirchl wurde von Hans Dülfer und Willi von Redwitz am 26.09.1913 erstbegangen. Zur damaligen Zeit eine veritable Großtat.

Vor der Erstbegehung hat sich Meister Dülfer über die Wand abgeseilt, um sich einen Eindruck zu verschaffen, was ihn so erwartet. Wenn man sich das Material und den zeitgemäßen Kenntnisstand vor Augen führt, wird schnell klar, dass er auch dabei nicht unter mangelndem Selbstvertrauen litt.

Dieses wurde ihm wohl nicht gleich in die Wiege gelegt, in der er am 23. Mai 1892 in Barmen vulgo Wuppertal seine ersten Schreiversuche unternahm. Aber irgendwann in dem Zwischenraum bis 2011 muss es wohl passiert sein, als er in München zunächst Medizin, dann Jura und zuletzt Philosophie zu studieren begann. Ob die Motivation für diese Wechsel der Studiengänge in der Hoffnung auf zunehmender potentielle Freizeit für das Klettern begründet war, ist wohl nicht eindeutig belegt. Die 50 Erstbegehungen innerhalb von vier Jahren aber schon. Die sicherlich noch viel mehr geworden wären, wenn er nicht am 15. Juni 1915 bei Arras in Nordfrankreich dem sinnlosen gegenseitigen Massenabschlachten des 1. Weltkrieges zum Opfer gefallen wäre.

Das ist zum Glück in unseren Gefilden Geschichte und so können wir unsere Zeit, das Weltgeschehen verdrängend, erquicklicheren Dingen widmen.

 

Zum Beispiel der Dülfer-West. Im Kaiser gibt es noch eine Dülfer-West und zwar am Predigtstuhl. Die ist zwar ebenfalls ganz schön, aber deutlich kürzer und vor allem leichter. Nichtdestotrotz muss auch die jeder schon mal gemacht haben. Und da man einen guten Vierer auch ohne ausgefeilten Trainingsplan schon mal klettern kann, bzw. das zumindest meint, geht es da manchmal auch recht zu. Dass es mit den reinen klettertechnischen Schwierigkeiten nicht getan ist, merkt man dann schnell an der Menge fallender Steine und wackliger Knie im schrofigen Zustieg, beim zeitraubenden Basteln mobiler Sicherungsversuche in der Tour und beim epischlänglichen Abseilwurschteln im Botzongkamin. Doch davon soll hier nicht die Rede sein, sondern von der Dülfer-West, die alle, die davon wissen, zunächst meinen, wenn der Name fällt.

 

Recht früh geht es in München los, damit es immer noch früh ist, um loszugehen.

Weil wir am Weg von der Griesner Alm zum Stripsenjoch weder am Stich nach dem Wald, noch am Eggersteig kurz vor der Hütte links abgebogen sind, geht es dieses frühen Morgens also mal nicht in die Steinerne Rinne. Sondern, oben am Joch angelangt, hinten Richtung Kaisertal wieder herunter, um dann endlich doch nach links in den Hohen Winkel abzubiegen, wo es natürlich das Ganze und noch viel mehr wieder rauf geht. Für Grunderwärmung ist also gesorgt.

Das schadet nicht, denn in der sowieso immer klammen Winklerschlucht liegt meist noch einiges an Halbgefrorenem.

 

 


Softeis in der Winklerschlucht

 

 

Bevor wir das uns zu Gemüte führen, wird Unvermeidliches erledigt, solange es noch ebenerdig geht. Eine gelbe Rübe wird auch noch mit ein paar Schlücken Wasser heruntergespült und dann kleiden wir uns so, wie wir es dem Anlass entsprechend für angemessen halten. Das Seil bleibt aber erstmal am Rücken. Wer sich in entsprechendem Gelände vielleicht nicht immer wohl, zumindest aber immer sicher fühlt, spart damit einiges an Zeit. Im üblichen Schluchtgerampfe geht es hinauf, bis man irgendwann, sinnigerweise rechtzeitig links auf eine Art Rippe ausquert. Den richtigen Zeitpunkt dafür zu treffen, bedarf es einer gewissen Mindestgröße an alpiner Spürnase. Wer das verpasst, muss wieder runter oder landet generell wo anders.

Die ersten knapp 4 offiziellen Seillängen geht es für uns in diesem Stil weiter, bis wir uns schließlich einigermaßen bequem an einem kleinen Absatz einbinden und das Schuhwerk wechseln können. Da treffen wir dann auch auf drei andere Gesellen, die in der Tour bereits länger am Werkeln sind. Sie lassen uns aber in souveräner Selbsterkenntnis gleich den Vortritt, was uns freut und wofür wir uns brav bedanken. Um sie nicht länger aufzuhalten als notwendig, mache ich mich hurtig ans Werk, verschwinde nach oben und hole Kathi geschwind nach. Die kann sich sogleich an die erste ernstzunehmende Stelle machen, einen Quergang, wie soll es anders sein. Der führt ausnehmend prächtig und fotogen nach rechts.

 

 


 

Kathi im fotogenen Rechtsgebastel

 

 

Nach dieser filigranen Einlage ziehe ich noch ein bisschen weiter in diese Richtung, bis es wieder aufwärts geht. Klassisches Gelände mit der Witterung für den stimmig leichtesten, logischen Weg in der Nase. Genau so, wie es sein soll.

 

 



Kathi folgt der Logik nach oben

 

 

Nach der nächsten Seillänge hat die Logik eine kleine Unterbrechung, rundherum sieht es glatt und überhängend aus. Zur Überwindung dieser unüberwindlich erscheinenden Stelle bewies Hans Dülfer mal wieder sein feines Näschen für den besten Weiterweg und bemühte auch hier den Trick eines Seilquergangs. Berühmt hat er diesen schon ein bisschen vorher gemacht, als er die lang berannte Ostwand der Fleischbank (ebenda im Kaiser, Anm. d. Verf.) als Erster vollständig durchstieg. Unter anderem dadurch, dass er in dieser Führe den ersten heiklen Linksquergang mit Hilfe eines schrägwackligen Abseilens, natürlich im Dülfersitz, überlistete. Aber erfunden hat er ihn nicht, den Seilquergang. Auch nicht die Schweizer. Denn schon in einem vielversprechenden Versuch an dieser Fleischbank Ostwand waren 1910 „Rambo“ Otto Herzog und Adolf Deye genau auf diese Weise über diese Schlüsselstelle des ersten Quergangs gekommen. Dieser Otto Herzog hat damals nicht nur schon mitgeholfen, den Buchenhain für uns glattzupolieren, sondern vor allem auch die grandiose Idee gehabt, die für andere Zwecke bereits verwendeten Karabiner für das Bergsteigen herzunehmen. Und Seilquergänge zu machen. Vielen Dank dafür.

Und vielen Dank an Herrn Dülfer für die Fertigstellung seiner „Dülfer Ost“, wie sie mittlerweile gemeinhin genannt wird. Auch wenn sich der Seilquergang mit heutigen Gummipatschen und Klemmmaterial als vergleichsweise zahmer Sechser ergibt. Aber wir sind ja in der „Dülfer West“ unterwegs und das macht im Gesamtanspruch schon noch mal einen deutlichen Unterschied. Auch in den jeweiligen Quergängen. Hier hat der Seilquergang sogar einen Namen, nämlich „Nasenquergang“. Und ist etwas trickreicher zu überlisten, ganz gleich ob mit Seil oder freischwebend. Für beide Stilvarianten beruhigt mittlerweile strategisch günstig platziert ein veritabler Bolt die Nerven. Und damit der nicht unnötig da ist, teste ich diesen auch sogleich aus. Etwas zu hoch begonnen - Fixnochmal, boltberuhigt konzentrationsarm nicht aufgepasst, vergeblich auf das Material gehofft und letztlich zu Recht auf Kathis Sicherungskönnen am Tuber (ogottogottolammel) gebaut. Zackbumm wieder zurück auf Los. Im zweiten Versuch geht es souveräner, meiomei. Zackbumm drüber und mit ein paar kräftigen Zügen zum Stand nach oben. Kathi folgt in ruhiger Stehermanier und würdigt die grausig abgespeckten, geschlagenen Tritte, die schon seit ewigen Zeiten in verwerflicher Weise den Kaiserfels an der Nase entwürdigen, standesgemäß durch Missachtung.

 

 

 
Kathi durchsteht die Nase


 

Am Stand übernimmt sie milde lächelnd und kein Salz in die offene Wunde streuend das notwendige Material, damit sie sogleich für die nächste Seillänge die links aufwärts führende Vorwärtsbewegung am scharfen Ende vollziehen kann.

 

 

 
Kathi in der Vor- und Aufwärtsbewegung


 

Gut so, dass sie die Ruhe selbst ist, denn die eigentliche Bewährungsprobe steht ihr schließlich noch bevor. Die Quergänge sind noch nicht zu Ende, der Schluchtquergang steht bevor. Hier hat der Seilerste, und damit ich, den Vorteil, dass man die kniffligen Stellen abklettern muss. Und damit für den Vorsteiger das Seil erstmal von oben kommt, bis er sich mit grausigem Seilzug anfreunden sollte. Für den Nachsteiger dann halt nicht so richtig. Man kann zwar versuchen das Pendelpotential durch ausgeklügelte Seilführung und häufiges Klippen des vorhandenen Alpinschrotts zu minimieren, aber das geht natürlich nur in gewissen Grenzen. Aber es hilft nichts, helfen tut einfach nur machen.

 

 


 

Kathi machts einfach im Schluchtquergang


 

Da man nun in einer Schlucht ist und wir nicht beim Canyoning, geht es auch mal wieder rauf und das tun wir natürlich. Schließlich wollen wir auch mal nach oben.

 

 

 
Kathi schluchtelt nach oben


 

 

Man sollte sich jedoch nicht zu früh freuen, denn kurz darauf geht es wieder quer. Zunächst noch lieblich mit Graspolstern und Blümchen.

 

 

 
Kathi mit Blümchen


 

Dann kräftiger, weil überhängend. Dafür mit etwas Aufwärtstrend.

 

 

 
Kathi im Aufwärtstrend


 

Und wie es sich für einen Klassiker so gehört, kommen jetzt die Ausstiegsrisse und -rinnen. Und wie es sich so richtig für einen Klassiker gehört, sind die weder geschenkt, noch entspannend, wie es die ausgegebenen Grade vermuten lassen könnten.

 

 

 
Kathi grinst, weil der Riss unter ihr liegt


 

Was nicht heißen soll, dass man nicht weiterhin in ausnehmend unterhaltsamen Gelände unterwegs ist. Aber da man nach Verlassen der Winklerschlucht in der Regel der Sonnenbestrahlung ausgesetzt ist, natürlich nur wenn sie scheint, und unabhängig von der Wetterlage auf jeden Fall schon einige Zeit unterwegs ist, kommt eine gewisse angetrocknete Grundermüdung gerne mal hinzu.

 

 

 

Kathi genießt den sonnigtrockenen Ausstiegsfels


 

Aber wäre es nicht so, wie es ist, wäre es nicht so schön. Am Schönsten ist es natürlich, wenn man oben ist und die Schuhe ausziehen kann. Trefflich gesichert an einem Häkchen aus dem Werftbedarf.

 

 

 
Kathi freut sich an den baren Füßen.


 

Und am Allerschönsten, wenn man ganz oben ist und die Schuhe endgültig ausziehen kann.

 

 

 
Ganz oben mit aus


 

Über die Freude darüber sollte man nicht vergessen, dass man auch noch runter muss. Das dauert ein bisschen, ist etwas verwickelt und mit Abklettern, Abseilen und dem üblichen Stein und ggf. Schneegerümpel abwechslungsreich garniert. Immerhin mittlerweile gut markiert und eingerichtet, das hilft verstopften Spürnasen bei der Routenfindung.

Beim Abstieg darf man prächtige Ausblicke genießen und z.B. die Führernadeln bewundern.

 

 

 
wunderbare Führernadeln


 

Und mit jedem dazugewonnenen Barometerstrich darüber freuen, dass ein Ende immer mehr in Sicht kommt.

 

 

 
das Ende naht


 

Wer nicht auf der Strips hausiert, darf sich natürlich nicht zu früh freuen, denn er muss erst noch die Höhen- und Längenmeter zur Griesner Alm vernichten. Mal auf brauchbarem Weg, mal auf entnervend schottrigem Geläuf. Das kennen wir zwar schon vom frühen Morgen, haben es aber erfolgreich verdrängt. Das steigert mit jedem Schritt die Freude darauf, wo es am Allerallerschönsten ist, nämlich unten beim TAB.

 

 

 
Allerallerschönstes TAB


 

 

facts:

Totenkirchl 2190 m, W-Wand „Dülfer“

Erstbegehung: Hans Dülfer und Willi von Redwitz am 26.09.1913

Ca. 600 m Wandhöhe, ca. 750 m Kletterlänge, je nach Sicherheitsbedürfnis im Zustieg insg. 14 – 18 SL

Im Nasenquergang Stelle 6+/7-? bzw. 5+A0, sonst immer wieder mal 5-6 und auch einiges leichter.

Zustieg von der Griesenau zum Stripsenjoch (1h), von dort weiter zum Beginn (1h) der Winklerschlucht.
Abstieg kraxelnd und häufig abseilend über den recht gut markierten Führerweg (ca. 1 -2 h bis zum Stripsenjoch)

Absicherung eher gut an gebohrten Ständen und strategischen Zwischenbolts, zusätzlich einige Normalhaken wechselnder Qualität. Ein Camsortiment, Keile und Schlingen helfen, die Zwischenräume zu überbrücken. 

29.07.2015 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 29.07.2015