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Alpine Klassiker

Unterer Schüsselkarturm - Die Schober

 

Was ist eine Schober? Ein Schreibfehler? Ein Heustadel? Die Frau von ihm? Oder einfach nur Bahnhof?

Das hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab, also fangen wir lieber ganz von vorne an.

Für eine Schober nach meinem Dafürhalten braucht man erstmal den Schober. Der hieß Michael (vulgo Michl), wurde am 30.8.1918 in München geboren und starb kriegsbedingt am 12.6.1940 in Frankreich. In Friedenszeiten trat er 1937 in die Jungmannschaft Garmisch-Partenkirchen ein, kletterte in der kurzen Zeit bis zu seinem Tod anspruchsvolle alpine Routen und machte, vor allem im Wetterstein und den Dolomiten, auch noch so manche Erstbegehung. Und das ist dann jeweils eine Schober.

 

Es gibt also mehrere Schober. Hier geht es aber um Die Schober. Zumindest bei uns, d.h. München & Südbayern (in den Dolomiten sieht das natürlich wieder anders aus). Der Name reicht und schon weiß hier fast jeder, der die passende Wellenlänge hat, was gemeint ist. Auf jeden Fall aber Oberreintal-afficionados. Selbst im Oberreintal gibt es andere Schobers, aber gemeint ist eigentlich immer nur die eine. Die an der Nordwand des Unteren Schüsselkarturms. Den sieht man schon spitz und steil mit seiner Prachtwand zwischen Oberreintalturm und Dom/Berggeistturm, wenn man beim Zustieg zur Oberreintalhütte (jawoll, eigentlich heißt sie Franz-Fischer-Hütte) die letzte steile Schotterpassage hinter sich hat und am Gartentürl steht. Zumindest sobald man vom gewaltigen Holzscheit sanft niedergedrückt die Schweißperlen aus den Augen geblinzelt hat.

 

 

 

Eintritt ins Kletterparadies

 

Die Route war zum Zeitpunkt der Erstbegehung ein Meilenstein.

Gerade mal 11 Stunden brauchten Michl Schober und Karl Münch, um 1938 mit ein paar Haken, Hanfseil um den Bauch und Manchonschlappen an den Füßen durch die Wand zu steigen. Zwischen den paar Haken, die sie verwendeten, sind sie ordentlich geklettert, was damals so üblich war und die Wiederholer durchaus auch feststellen müssen. Und was ihren Ruf begründet.

Durch die Aufnahme im Extrempause wurde sie dann amtlich ein Markstein.

Auch heute noch ist sie mit bzw. trotz umsichtiger Beboltung durchaus ein Prüfstein. Zumindest für diejenigen, die beabsichtigen in das Reich der alpinen Sestogradisten Einblick zu bekommen. Wer diesen 6er anständig klettern kann, kann das voraussichtlich, zumindest im Kalkstein, auch wo anders probieren.

Vor allem aber ist sie ein absolutes Muss für alle, die schlicht eine rundum stimmige, tadellose, abwechslungsreiche und über jeden Zweifel erhabene Alpinkletterei genießen wollen.

 

 


Wer hinlangen will, muss erstmal schwitzen

 

 

Der Untere Schüsselkarturm ist eigentlich kein sonderlich beeindruckender Berg. Dafür liegt er in der falschen Gegend. In der Lüneburger Heide sähe das wohl anders aus, aber da sind wir nun mal nicht. Zum Glück, sag ich mal im tiefen Brustton oberbayerischer Überzeugung. Ein netter Spitz halt, umgeben von gewaltigen Wandfluchten, die ihn, obwohl 2200 m hoch, ausnahmslos überragen. Inmitten des grandiosen Felsenamphitheaters des Oberreintales. Kommt man aber der Nordwand näher, wird sie dann doch immer größer. Aber schließlich nicht so richtig ganz groß. Sie ist quasi nur ein kleiner Scheinriese. Halt! Scheinzwerg natürlich. Die Routen in der Nordwand haben alle eine überschaubare Länge mit rundumadum 10 Seillängen. Dafür zeichnen sie sich fast durchwegs durch ausgesucht schöne und steile Kletterei aus, deren Punkte ordentlich verdient sein wollen. So auch die Schober.

Diese Route begleitet mich auf meinem Klettererweg nun schon über ein viertel Jahrhundert und trotz der vielen anderen schönen Touren in meinem Leben, bleib ich ihr treu. Anfänglich noch etwas unsicher und überfordert, mit schwitzigen Fingern, wird sie bei jeder Besteigung zwar zunehmend vertraut, bleibt dann aber doch jedesmal irgendwie anders und eigen. Wie bei einem alten Ehepaar. Bevor ich mich jetzt aber vollends vom Fettnäpfchen aufs schlüpfrige Glatteis begebe, komm ich wieder zum eigentlichen Thema zurück.

 

Von der Hütte muss man einen der weiteren des für lange Zustiege nicht ganz so berüchtigten Oberreintals in Kauf nehmen. Satte 45 Minuten sollte man einplanen, zarte verthalkirchte Arcolungen mit Teerbelag können das natürlich beliebig ausdehnen. Wer vom Tal aus startet, hat selbstverständlich deutlich mehr vor der Brust und mit einem Bergrad sowieso auch mehr vom Leben.

Dort angekommen bildet eine meist feuchte, dafür rundgriffige Rissverschneidung den Anfang. Die zeigt dem Fünferaspiranten, wo der hallenferne Bartel bei ausreichender, aber überschaubarer Sicherung den Most holt. Das ist auch gut so, denn ab dann wird es erstmal nicht mehr leichter.

 

 


Kathi hat den Einstiegsriss schon hinter sich gebracht

 

 

Im Frühjahr kommen hier meistens die anfangs noch klammen Finger als besondere Würze dazu, die sich zu Beginn fast jeder nordseitigen Tour gerne einstellen.

Viel Zeit, darüber nachzudenken, sollte man sich nicht lassen, denn es hilft nix und nur durchs Tun wird man warm. In den nächsten drei Seillängen kommt der Kreislauf schön in Schwung, der eine oder andere Ring weist den Weg im steilen Gemäuer und wird freudig geklippt.

Das sind keine neumodischen Allerweltsplättchen, sondern Pit Schuberts Megaringe, die so gerne an der Wand anliegen. Zum Clippen darf man die oft erstmal ein wenig mit einem freien Finger anheben. Wem dabei die nötige Ruhe bzw. Übung fehlt, dem werden sicher situationsabhängig einige unflätige Worte durch den Kopf schießen und ggf. auch den Weg nach draußen finden. Dafür vermitteln diese Ringe nach Vollzug ein ganz tiefes Gefühl der ultimativen Sicherheit. Und sie führen klar vor Augen, was der Sinn des standardmäßig gleichschnapperläufigen Einsortierens der Karabiner in eine Exe ist.

Während man kletternd über solche Dinge oder was anderes oder vielleicht auch gar nichts nachdenkt kommt man zum Bankerl. Das ist ein schön luftiger Standplatz in einer Nische mit einer Bank.

 

 

 

Jörg sitzt


 

Da darf man sich erstmal hinsetzen und darüber freuen, dass manche Leute aus Spaß an der Freud schöne Dinge durch solche Wände schleppen, damit alle was davon haben.

 

 


Kathi sitzt auch und Vali schaut in die Röhre


 

Hier ist sicher Zeit für den Müsliriegel oder gerne auch Wohlschmeckenderes und einen Schluck aus der Pulle. Das dortige Altglaslager beweist, welche Sorten isotonischer Getränke im Alpinismus Verwendung finden. Vor allem später im Jahr riecht man leider manchmal, dass so mancher Schluck bei manchen auch gleich wieder raus muss. Nun denn, wenn es weiter hilft. Aber Verdrücken macht manchmal auch nix und schont den olfaktorischen Feinsinn der Nachkommenden.

 

 


Kathi freut sich über den Ring, Vali weiß noch nichts davon


 

Jedenfalls darf ab jetzt nochmal deutlich hingelangt werden und aus steil wird auch mal sehr steil. Aber nie so, dass man sich nicht zwischendrin auch ausruhen könnte. Die Seillängen sind meist klassisch kurz und man holt sich eher beim Einholen der zeitgemäß langen Seile einen Wolf als beim Kraxeln einen Krampf. Am Stand ist es dann sowieso gemütlich.

 

 

Bildunterschrift: Vali holt sich am Stand modische Anregungen


 

Schließlich steht die Abschlussparade an. An steil plattiger Wand darf mit Linksdrall aus meist schlatzigen Grifflöchern das Wasser ausgepresst werden. Da muss man schon was tun, ein Dudderl mehr als bisher, dafür sitzen die Ringe dichter und danach ist es auch fast vorbei.

 

 

 

Auf dem verdienten Weg ins Licht


 

Denn in den letzten beiden Seillängen wird es deutlich leichter. Auslaufgelände zum Gipfelgrat, über den dann der Gipfel überklettert wird, um an der Hinterseite des Berges in die Scharte zwischen Oberen und Unteren Schüsselkarturm zu kraxeln. Da geht es dann rechts rum und man kann auf einer Wiese auch mal ein schönes Nickerchen halten. Bevor je nach Jahreszeit die Schotterreisse oder das Firnfeld Richtung Wandfuß runtergesaust wird.

 

 

 

 Der Blick aufs Tagwerk


 

Am Einstieg angelangt sammelt man sinnigerweise Alles ein, was man da so zurückgelassen hat. Zumindest das was man nochmal brauchen kann und nicht schon verdaut wurde. Und trollt sich über den Pfad Richtung Plattenschuss wo kraxelnd das Bier immer näher kommt. Denn warum macht man das alles sonst.

 

 

 

 

H.m.l.a.A. – wo alles anfängt und alles aufhört


 

 

Facts:

Unterer Schüsselkarturm Nordwand „Schober“, Erstbegehung M. Schober & F. Münch 7.10.1938, 6+ (6/A0), 250 Hm, 10 SL. Brauchbar eingebohrt, ein paar Keile/Cams und Schlingen angenehm.

15.06.2015 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 15.06.2015