HG Logo klein

Skitour

Skitour

Großglockner – Nachbarn ganz von oben

 

 

 

Wenn wo was das Höchste ist, übt es auf alle eine erhöhte Anziehungskraft aus. Vor allem für den, ders mag. Ich mag Berge. Es kommt natürlich auf den Bezugsraum an, was wenn, dann wo auch das Höchste ist. In Österreich ist es der Großglockner. Österreich liegt gleich nebenan.
Damit man das Höchste unter sich hat, muss man rauf. Soweit so klar so simpel. Um wirklich sicher zu sein, dass es so war und so ist, geht das auch mal mehrfach. Also gut.
Klar ist auch, wenn was das Höchste ist, ist man nie allein. Wenn man Glück hat, ist man nur ein bisschen nicht allein. Manchmal hat man Pech: Dann ist man aber auch einer von denen, die genau da hingehen, wo man nicht allein ist. Das sollte man sich immer vorher und währenddessen klar machen.

Im Sommer hab ich natürlich das Ganze schon in grauer Vorzeit per pedes unter und hinter mich gebracht. Fehlt also noch im Winter bzw. per Ski. Ganz oben auf der Tickliste war das nicht, also wird immer weiter ver- und Dringlicheres vorgeschoben. Aber man kann nicht alles erst dann erledigen, wenn man 85 ist, es könnte für manches eng werden. Ganz besonders, wenn nicht nur die Vorzeit grau ist, sondern mittlerweile auch das Haupthaar. Immerhin ist es noch vorhanden.

Also machten wir uns letztes Jahr auf den Weg, umfuhren die frische Mure an der Felbertauernstraße, fanden auch noch nach Kals und fielen zu guter Letzt in das Lucknerhaus ein.

 

 


 

Ort der Mahlzeit


 

Da gibt es nette Lager, nette Leute und nettes Essen, also sind wir auch mal nett. Worauf wir ordentlich anstoßen.

Das Wetter war unbeständig prophezeit, aber manchmal wird ja alles gut und nicht so heiß, wie gekocht. Am ersten Tag ging es auf das Böse Weibele mit unten ohne, d.h. wenig Schnee.

 

 

 
Böses Weib unten ohne, Erik und Pamer steigen drüber


 

Oben rum hatte das Böse Weib mehr vor Holz vor der Hütte, die Ski kamen auch mal an die Füße. Das war ganz nett, auch wenn die Sicht mässig und die Winde mächtig waren.

 

 

 
Windiges Holz vor der Hütte


 

Der Abgang war gewöhnungsbedürftig wechselhaft und nach unten wurde es dann noch richtig feucht schmatzig. Bis schließlich natürlich der Matsch ganz weg war und die Wiese entblößte.

 

 

 
Traumabfahrt


 

Tags drauf führte uns das angekündigte Zwischenhoch anfänglich noch bei Schneefall Richtung Stüdlhütte. Der Highway dorthin sah aus, als ob eine Herde Wildsäue ihr Unwesen getrieben hätte. Aber es war nur eine Horde Osteuropäer, die partout die Anwendung von Skiern, Schneeschuhen oder ähnlichen Druckerniedrigern verweigerten und ausschließlich beschuht und vor allem nebeneinander ihr Glück in der winterlichen Bergwelt zu finden glaubten. Erstaunlich was der Wille des Menschen vermag.

Nach Abwurf der Zahnbürste und sonstigem, fürs Erste Unbrauchbarem in der Stüdlhütte, ging es weiter auf den (oder die) Teufelskamp.

 

 

 
Abwurfstation


 

Etwas Pulverauflage, zunehmende Aufhellung und prächtige Ausblicke ließen das verschwitzte Grinsen breiter werden und den Gipfel näher kommen.

 

 


 

Grinsgelände


 

Dieser glänzte zwar oben mit Sonne, dafür aber auch mit noch mächtigerem Gebläse. Außerdem ist der Ausdruck Gipfel vielleicht etwas übertrieben für diesen Gratabsatz. Aber wir waren wo droben, was einen Namen hat und das reicht uns als Tagwerk.

 

 


 

Tagwerk mit Gebläse


 

Der Glockner dampft und zeigt sich mit frischem Zuckerguß in bestem Licht. So könnte es bleiben. Hoffnungsfroh wedeln wir runter und beziehen das Quartier auf der Stüdl. Dass außer uns sonst eigentlich keiner mehr auf der Hütte war, hätte uns zu Denken geben können. Aber wir denken eigentlich ungern. Wie die exquisite Auswahl im Hüttenkiosk zeigt, sind wir zumindest damit nicht allein.

 

 

 
reiche Auswahl


 

Am nächsten Morgen war es dann hochgradig unschön. Nach verschobenem Aufbruch stellten wir uns dann doch dem grausigen Wettertreiben und wühlten uns bis zur Adlersruhe, wo dann endgültig Schluss war.

 

 


 

Schluss mit lustig


 

Wir überließen die dort im Winterraumsloch hausierenden und auf bessere Zeiten hoffenden Tschechen ihrem selbstgewählten Schicksal und läuteten ohne Glocke die Heimreise ein.

 

 


 

Glockenfreie Heimreise


 

Das kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen.

Ein Jahr später.

Vali hatte gesoffen und war schwer verkatert. Das wusste er zwar schon vorher und hatte vorgewarnt. Aber er war wohl erfolgreicher tätig, als geahnt. Also wurde umgeplant. Es ging somit nicht entspannt doppeltägig dem Glockner an den Pelz. Sondern es gab erst einen Tag Rehabilitationsklettern in Morsbach und dann, so war der Plan, halt zackbumm (= single push) rauf runter. Wohlan. Das sind zwar mehr Höhenmeter an einem Tag, dafür hat man es aber auch schneller hinter sich.

In Morsbach waren wir natürlich nicht allein, kein Wunder an einem Samstag. Eine gute Einstimmung auf den zu erwartenden Besucherandrang an unserem eigentlichen Hauptziel. Aber die Stimmung war gut. Unter anderem lief auch noch Bekka mit einer ihrer inklusiv gemischten Gruppen ein. Was die Stimmung noch mehr hob. Das Wetter blieb prächtig und Vali presste sich in der Affenhangel endgültig das Gift von der Leber in den Bizeps. Oder so. Hauptsache es war raus aus dem Schädel.

Später tuckerten wir weiter zum Lucknerhaus, wo wir noch einen Blick auf das Ziel des folgenden Tages werfen konnten. Aber nur kurz, denn der Magen kracht.

 

 

 
Zielblick


 

Zum Glück hatten die Lucknerleute noch zwei Schnitzel für uns und dazu auch für jeden das passende Getränk. Genächtigt wurde im VW-Bus, die paar Stunden rentieren kein Bett.

Früh raus, wie es sich gehört, kurz tobt der Jetboil und schon geht es los mit Turnschuhen auf dem aperen Weg nach oben. Außer uns ist von hier keiner unterwegs, was uns natürlich wenig stört, bestenfalls wundert. So geht das Gelatsche mit zunehmendem Schnee bis kurz vor der Lucknerhütte. Hier schließt sich die Schneedecke und wir wechseln in gröberes Schuhwerk.

 

 


 

Vali mit Stöckelschuh


 

Die Schlappen werden in eine Plastiktüte verstaut und finden einen wohlverborgenen Platz unter einem Steinhaufen. Es folgt das gewohnte Fellgeschiebe, zunächst auf der diesmal undurchwühlten, gleichwohl ausgelatschten Spur Richtung Stüdlhütte. Irgendwann kann man diese dann nach rechts verlassen und sucht sich seinen eigenen Weg über kuppige Hänge Richtung Ködnitzkees.

 

 

 
Valis own way


 

Da trifft man dann unweigerlich wieder auf die Autobahn, die von der Stüdlhütte kommt. Die Hauptmasse der dortigen Frühaufsteher ist durch, der Rest kommt erst noch, daher haben wir auch hier weitgehend Ruhe.

 

 

 
Ruhiger Blick auf die Vorhut


 

Das Ködnitzkees bietet wenig Spannendes. Gerade recht, um unbeschwert seinen Gedanken nachzuhängen, während der innere Schiffsdiesel vor sich hin stampft und sich ein Schritt an den anderen reiht.
Das ist ja immer ein bisschen zwiespältig so flaches Gelände. Einerseits kommt der Puls etwas runter und man tropft weniger, andererseits kann man keine Höhenmeter wegpacken. Aber die nächste Spitzkehre kommt bestimmt, wenn man sich nicht gerade auf dem Aletschgletscher befindet.

 

 

 
Schiffsdiesel bei der Arbeit


 

Die Spur führt bis zum Felsgrat, ohne viel darüber nachzudenken, gehen wir ihr nach. Die Option, weiter Richtung Glocknerleiten neu einzuspuren, verwerfen wir angesichts des bislang schon zurückgelegten und des noch bevorstehenden Wegs.

 

 

 
Die Gedanken sind frei


 

Am Grat gibt es einen Müsliriegel, ein Haferl Tee und das übliche Skidepot. Auch wir lassen, wie die meisten Anderen auch, die Ski zurück. Mit Krampen an den Füssen nehmen wir den Pickel in die Hand und gewinnen stapfend, sowie den Einen oder die Andere überholend an Höhe in Richtung Adlersruhe.

 

 

 
Gratgestapfe


 

Was durchaus anregend sein kann. Ein Tscheche, vielleicht auch Pole, scheucht seine überforderte Partnerin vor sich her und führt uns nicht nur fragwürdiges Material und innovative Behandlung desselben, sondern auch ein längst vergessen geglaubtes Beziehungsmuster deutlich vor Augen. Und erneut, dass der Wille des Menschen sein Himmelreich sein kann, wenn er will. Oder muss.

 

 

 
angeregt am Grat


 

Immerhin zeigt sich der Glockner mittlerweile von seiner besten Seite und bietet hochalpines Ambiente. Grandios. Darüber kann man sogar kurzzeitig vergessen, dass doch einiges los ist an einem solchen Berg.

 

 


 

Anblick zum Vergessen


 

Oberhalb von der Adlersruhe ärgern wir uns etwas, die Ski unten gelassen zu haben, denn die Glocknerleiten zeigt sich wider Erwarten bestens beschneit und man hätte vielleicht sogar direkt in das Kar zum Ködnitzkees einfahren können. Chance verpasst, zur Strafe müssen wir im reichlichen Schnee nach oben wühlen.

Aber auch das nimmt ein Ende und wir reihen uns in die Schlange Richtung Gipfel ein. Eine Wolke breitet den Mantel des Schweigens über das muntere Treiben und wir binden uns wegen des teils heftigen und vor allem nicht immer trittfesten Gegenverkehrs dann doch irgendwann in unser Seil ein. Das behindert kaum, die zahlreichen Stangen werden im Vorbeilaufen überworfen.

 

 


 

Mantel des Schweigens


 

Nach dem Kleinglockner gibt es am Ausstieg der Pallavicinirinne einen kleinen Stau. Ein kurzer Felsaufschwung lässt Manche offensichtlich das erste Mal nachdenken, wohin sie sich begeben haben. Und umdrehen wollen. Oder auch nicht. Oder dann doch. Aber jeder findet erstaunlicherweise sein Plätzchen und so kommen auch wir oben an. Wie immer ein gutes Gefühl, auch wenn die Sicht zu wünschen lässt.

 

 
gefühlsechter Gipfel


 

Zurück gibt es wieder Kurzstau am Kleinglockner, der durch beherztes Ein- und Durchgreifen neben der Spur verkürzt wird. Am oberen Ende der Leiten wird das Seil wieder verstaut und die Sicht etwas besser.

 

 
seilfrei mit Sicht


 

Mit großen Schritten wühlen wir uns nach unten und die durch die Wolke gleißende Sonne öffnet auch noch die letzten Poren. Im besser gangbaren und vor allem sitzbaren Gelände ist es dann endlich an der Zeit, die Speicher etwas aufzufüllen. Dadurch wird es zwar nicht kühler, aber man kann nach dem Trinken wieder besser Schwitzen und muss die Wurst nicht am Buckel nach unten tragen.

 

 

Vali kann endlich wieder schwitzen


 

Gestärkt haxeln wir an der Adlersruhe vorbei den Grat hinunter, passieren den weiterhin krakelenden Polen (oder Tschechen) mit seiner gottergebenen Partnerin und landen letztlich bei unseren sehnlichst erwarteten Skiern. Nichts wie rein ins Vergnügen.

 

 

 
Vali kanns kaum erwarten


 

Und das war es auch, keine Frage. Zunächst in gerade noch nicht batzigem Neuschnee.

Fast eine Ahnung von Pulver

 

 

 
Pulverahnung


 

Und dann vor allem als die Hauptschleifspur Richtung Stüdlhütte abgebogen war: Ideales Schigelände mit perfektem Surfschnee. Schwingen bis die Schenkel brennen.

 

 

 

hochalpiner Surfkurs


 

Nach unten wird es bekanntlich wärmer. Meistens endet es darin, dass man schlagartig im Elefantenfirn einsumpft und, zumindest für Außenstehende, lustige Überschläge produziert. Dies bleibt uns heute weitestgehend erspart. Zum Glück erst ganz zum Schluss lässt die Tragfähigkeit nach. Geschickte Wahl der Hangausrichtung hilft noch etwas weiter und dann sind wir aber schon bald an der Hauptabfahrt von der Stüdlhütte. In der zentralen Fahrspur ist die Sache so verdichtet, dass man einwandfrei abfahren kann.

 

 


 

Vali ist auch zufrieden


 

Zwischendrin werden noch schnell die Schlappen eingesackt und soweit es einen Krümel Schnee gibt, weitergesaust.

Dann ist wirklich Schluss und es hilft nichts. Ab jetzt ist der Weg das Ziel, auch wenn die Fusssohlen den tieferen Sinn nicht verstehen wollen.

Aber wie wir gelernt haben, man muss nicht auf alles Rücksicht nehmen. Und schon gleich gar nicht auf etwas, was einem nahesteht.

 

 

 
ohne Rücksicht, dafür mit Datum


 

Am Parkplatz schauen wir nochmal dorthin, wo wir eigentlich vor Kurzem gerade noch waren. Auch wenn man es sieht und man es weiß ist es doch irgendwie irreal das Ganze. Was man in ein paar Stunden so alles erleben kann. Prächtig.

 

 

 
realer Blick


 

Bleibt noch die Heimfahrt. Die ging auch vorbei, zum Glück. Schließlich musste ich noch auf eine Feier. Leider ohne Reha in Morsbach.

 

Facts:

Großglockner 3798 m NN, ca. 1880 Hm Aufstieg, 7 - 8 h rauf, 1 - 2 h runter

Gletscherausrüstung willkommen. Am Grat, vor allem wegen häufig erhöhtem Publikumsaufkommens, ggf. Seilsicherung angenehm

12.03.2015 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 12.03.2015