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Alpine Klassiker

 

Oberreintalturm – Henke/Parzefall. Eine Tour im Spiegel der Zeit

 

 

Oberreintal. Mal wieder. Herrlich.

Noch dampft das T-Shirt und bald auch im Haferl der Kaffee aus der Thermoskanne vom Hans, die zum Glück wie immer bereitwillig zapfbar am Rand seines grandiosen Kochsperrgebietes steht. So kann man wohlig auf der Holzbank vor der Hütte Pläne schmieden und Erinnerungen wachrufen.

 

 


Hütte mit Berg


 

Lang ist es her, als ich das erste Mal, nicht nur durch Geschichten vorab schon ver–, sondern dann ob der realen Felskulisse veritabel eingeschüchtert, unter einem gigantischen Rucksack schier erdrückt, hier einlief. Nichts als Helden um mich herum und ich kaum Ahnung, was eigentlich gespielt wird. Aber wer nicht mitspielt, ist halt auch nie dabei. Zumindest ein bisschen.

 

 


Hütte mit Helden


 

Bald darauf war ich dann wieder da, der Rucksack etwas kleiner, dafür die Begleitung kompetenter und die Ziele größer. Der Verhaltenskodex vor Ort war mittlerweile bekannt und damit wächst die Sicherheit, selbst wenn man noch nicht viel Verwertbares beitragen kann. Der Plan steht jedenfalls ohne großes Mitspracherecht, ich nicke zustimmend und trotte angespannt meinem Leithammel hinterher. Bis wir unter der Westwand des Oberreintalturms stehen. Genauer am Einstieg der „Neuen Westwand“ vulgo „Henke/Parzefall“. VI-/A2, frei VII steht lapidar im Führer. Ich schlucke leicht, stelle mich aufs Überleben ein.

 

 


Westwand zum Überleben

 

 

Immerhin wurde die Tour am 6.9.1965 von Wolfgang „Amadeus“ Henke und Franz Parzefall erstbegangen, da war ich gerade mal ein halbes Jahr alt und habe noch rechtschaffen in die Hose gemacht. Das würde ich jetzt auch gerne, darf aber nicht mehr. Zumindest nicht ohne Gesichtsverlust. Also einbinden.

Doni gibt den Ton an und ich folge sprachlos. Für mehr bin ich zu sehr mit mir selber beschäftigt bzw. damit, die Bodenhaftung nicht zu verlieren und dann auch noch Höhengewinn verzeichnen zu können. Im Idealausstieg schließlich hammerharte Popeyeunterarme und Nähmaschine, das volle Programm. Nun gut, immerhin wusste ich danach, was für mich noch zu tun ist.

 

 


Oberreintalfest 2008, noch erscheint die Szenerie friedlich


 

Deutlich einige Jahre später gerieten wir in die Fänge des Oberreintalfestes, das erstmal letzte seiner Art, wie sich später bedauerlicherweise herausstellen sollte. Ein einziges Tohuwabohu, Sodom und Gomorrha - herrlich. Wer dabei war, wird es nie vergessen. Entsprechend kurz war die Nacht, entsprechend leer die Wände am Folgetag. Andrea und Rüdi hatten nichtsdestotrotz Auftrieb und ich war mir noch den Beweis schuldig, in der Zwischenzeit etwas dazugelernt zu haben. Testpiece: Henke/Parzefall.

Nichts wie ran an das scharfe Ende und siehe da, es lief wie geschmiert. Ob trotz bzw. wegen Restalkohol, war mir egal. Nicht, dass man da nicht weiterhin etwas tun müsste, wie mir auch von den Nachkommenden unmissverständlich mitgeteilt wurde, aber es ist machbar und die zwischenzeitlich dankenswerterweise angebrachten Bolts stecken benutzerfreundlich. Den Rest kann man gut selber erledigen. Der diesmal erwählte Heidiausstieg erwies sich wieder mal als grimmig, da kann man sicher woanders leichtere Sechser klettern. Kommt aber dafür weitgehend um Risse herum.

 

 


freundliche Bolts, klettern muss man noch selber


 

Noch mehr einige Jahre später finde ich mich wieder mal am selben Einstieg. Nur ist diesmal der Nachwuchs mit dabei. Mittlerweile fordert dieser die Pole-Position ein. Sollen sie sich ruhig drum streiten, mit den Jahren kommt die sittliche Reife, in Ruhe abwarten zu können. Nach der Einigung heißt es ladys first. Also legt Nina c/o Kathi vor. In Ruhe bastelt sie sich durch den wie immer etwas unübersichtlichen Vorbau nach oben. Die spärlichen fixen Sicherungen geben wenig Orientierung, hier muss man sich den Weg schon suchen und für Sicherheit selber sorgen, was souverän gelingt.

 

 


Kathi bastelt


 

Dann wird es richtig steil, Herzbube Vali scharrt schon ungeduldig mit den Hufen und tauscht das Seilende. Zuerst wurschtelt er sich in der Rissverschneidung nach oben und kaum hört diese auf, lässt er rohe Kräfte walten, schließlich will er ja zum Stand.

 

 


Vali lässt walten


 

Ende Mai ist es durchaus noch frisch in der Wand, das kräftige Gelände lässt erstmal den Puls nach oben gehen und dann irgendwann mal sogar die Finger auftauen. Wenn der Schmerz nachlässt, ist es durchaus angenehm, Griffe nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen. Schließlich darf man noch mal herzhaft zupacken. Was zum Hinlangen ist da, aber es hängt halt dafür etwas über.

Insgesamt gesehen aber eine gute Möglichkeit, um sich ohne allzu große Traumatisierung mit einem 7ener in alpinem Gelände anzufreunden. Auf dem Band im oberen Wandteil wird es wieder gemütlicher, dafür man muss sich entscheiden, wie man den Schluss erledigt. Ideal ist natürlich der Idealausstieg, sonst würde er ja nicht so heißen. Angesichts der von unten deutlich einsehbaren Rissbreite und –beschaffenheit wird dann doch dem grauen Wolf bereitwillig der Vortritt gelassen.

 

 


Die Jugend freut sich über alte Schule


 

Old-school-Kletterei ist angesagt, da stört die Haarfarbe nicht. Die Wampe schon eher, aber da breiten wir den Mantel des Schweigens darüber. Mit Klemmen und Piazen kommt man weiter, klassische Sechserrisse wollen gemacht sein. Ökonomisch klettern ist Trumpf und wer keinen passenden Hex oder Cam dabei hat, darf sich über die potentielle Flughöhe nicht wundern. In der darauffolgenden Abschlussseillänge gilt es dann noch, vom dem einen in den anderen Riss zu kommen und das Ganze würdig zum Abschluss zu bringen. Denn das hat die Tour ohne Frage verdient.

 

 


Da geht es raus


 

Wer nicht über die Fahrradlkante mit Gegenverkehr abseilen will, muss zum Gipfel.

Dahin kraxelt man über den Grat, weil es keinen anderen sinnvollen Weg gibt. Immerhin kann man dann hinten rum runterschottern und –seilen.

 

 


Gratgekraxel


 

Ausserdem dürfen da beim Abstieg die, die brav gewesen sind, dann nochmal für das Familienalbum posen.

 

 


Brav aufgestellt


 

Zu guter Letzt beschert das frühe Jahr nicht nur klamme Finger, sondern vor allem auch ein prächtiges Firnfeld, auf dem knieschonend Höhenmeter vernichtet werden können. Die dabei gewonnenen Minuten werden nach getaner Arbeit zielgerichtet in ein zusätzliches Hüttenbier investiert. HmlaA beschreibt oft auch den Himmel auf Erden.

Gestern wie heute. Zeitlos

 

 


Nach der Arbeit folgt das Spiel


 

Facts:

Oberreintalturm Neue Westwand mit Idealausstieg,

Erstbegeher: Neue Westwand W. Henke & F. Parzefall 26.9.1965, VII/VII+ (VI+/A0);

Idealausstieg W. Henke & Ch. Krah 30.8.1981, VI+

9 Sl, ca. 300 Hm

Material: ein paar Stopper & Cams, Schlingen, Hex 8/9 oder Cam 1 für Idealausstieg

08.12.2014 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 08.12.2014