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Was tun, wenn der Berg ruft...

Christian Rödling
C1 Kolumne
Ausgabe 01/2014 vom 01.02.2014

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Was tun, wenn der Berg ruft - und ausländisch spricht!?



Südost-Asien-Freaks wissen es längst, alpine Abenteurer bekommen es hiermit verraten: Wenn Dir die (Hallen-)Decke auf den Kopf fällt, extremer Adrenalin-Mangel herrscht und auch noch schlimmes Reisefieber dazukommt, dann...

...dann ist es manchmal nur noch eine Frage von Zeit & Geld & Glück & Zufall, bis sich urplötzlich „Myanmar“ (= Burma) immer deutlicher als einzig erlösendes Ziel an Deinem Schicksals-Horizont abzuzeichnen beginnt: Wie ein ganz bestimmter Berg, mit seiner eigentlich viel zu steilen Wand und dieser furchtbar verführerischen Route hindurch, die Dich plötzlich zu sich zu rufen beginnt. Erst leis, dann immer laut und lauter, bis nachts in deine Träume rein: Du MUSST da hin, Dein Glück versuchen. Sonst gibt die Stimme keine Ruh. Und das nun schon zum zweiten Mal.

Dieser freche Zipfel, rechts, im Meer, gab schon wieder keine Ruh...
Das erste Mal war ich 1982 in Burma. Nur 1 Woche leider. Länger durfte man nicht. Aber schon diese paar Tage damals haben gereicht, um zu der Gewissheit zu gelangen, dass es bei uns zuhause nichts Vergleichbares gibt. Dann wurden die Grenzen plötzlich wieder geschlossen. Und blieben für ein Vierteljahrhundert zu. Trotzdem geriet Myanmar (oder Burma oder Birma) in dieser langen Zeit der selbstgewählten Isolation 2x ins Schlaglicht der Weltöffentlichkeit.


Typisch Burma: Eine völlig andere Zeit, die auch noch stehengeblieben scheint...
Das erste Mal im Jahr 1991, als ausgerechnet ein politischer Gefangener des burmesischen Militärregimes den Friedensnobelpreis bekam. Und dazu noch eine Frau! Ihr längst weltberühmter Name: Aung San Suu Kyi.

siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Aung_San_Suu_Kyi


Das zweite Mal geschah erst vor kurzem, im Jahr 2007 war das, als höchstrangige Mönche die sog. „Safran-Revolution“ anführten, um (gewaltlos natürlich) gegen die dramatische Anhebung der Preise für Über-Lebensmittel wie Reis und Benzin zu demonstrieren. Dieser extrem lästige Aufstand wurde vor den Augen der Weltpresse damals „schlagartig“ beendet, indem man die unantastbaren Mönche schließlich einfach niederprügelte. (Tibet lässt grüßen). Bis zu 1000 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein, was denn auch die westlichen Investoren zu einem lauten Knurren ermunterte. Aber China – Burmas großer Nachbar, Protektor und Strippenzieher - hat sofort zurückgefaucht: „Ausland: Pfoten weg! Wir brauchen dieses Land als Absatzmarkt und Bodenschatz-Quelle.“ Woraufhin der Westen bellte: „Wir aber auch!“ Und so einigte man sich schließlich auf höchster Ebene irgendwie, die Lohn- wieder soweit an die Lebenskosten anzupassen, dass kein Schwerstarbeiter mehr verhungern musste. Womit wieder Ruhe und Frieden in Burma einkehrte – und das zutiefst religöse Land wieder aus den Schlagzeilen verschwand.

Auch typisch Burma: Eines der ärmsten Länder der Erde ist uns spirituell um Lichtjahre voraus
Ok. Hinter den politischen Kulissen aber kam es wohl zu weitreichenderen Zugeständnissen, damit die Militärs im Amt bleiben durften. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi jedenfalls wurde nach 16 Jahren Hausarrest plötzlich hochoffiziell aus ihrem Käfig entlassen. Und: Die Grenzen waren wieder auf! Man durfte wieder nach Burma einreisen. Was wir auch taten. Letzten November. Im ewigen Auftrag der IG Klettern natürlich, um diesmal u.a. rauszufinden, wo der Bartel vor Ort den süßesten Most holt, wenn´s a. ums Klettern und b. ums Bergsteigen geht?

Erster Eindruck: Klettern ist hier keine Droge
a. (Sport-)Klettern in Burma = total tote Hose! Und Bouldern? Geht angeblich in der Hauptstadt Rangoon, wo – laut Google – immerhin schon mal eine „Boulder Wall“ stehen soll. Fazit: „A ziemlich ung’maahde Wiesn“ noch also, was sicher mit dem etwas beschwerlichen, 2tägigen „Zustieg“ (via Dubai oder Bangkok) zu tun hat; und er Tatsache eben, dass der Durchschnittsburmese (w/m) vom Klettervirus ungefähr so ähnlich heftig infiziert ist, wie wir bei uns vom Reisanbau. Heißt im Klartext: Kein Verleih von Irgendetwas. Keine Topos. Keine Karten. Keine Szene. Keine Hotspots. Und trotzdem: Wer es darauf anlegen würde, könnte es sich in der Tat gar wunderschön geben – um nicht zu sagen: Erstbegeher-Lorbeer sammeln en masse.
Zum Beispiel...


...an jener hier sichtbaren, garantiert noch jungfräulichen Wand, die mit dem Zug problemlos zu erreichen ist. Immer vorausgesetzt natürlich, das noch aus der britischen Kolonialzeit stammende zweitgrößte Viaduct der Welt bricht nicht doch in sich zusammen, während Dich der ebenfalls noch aus der Kolonialzeit stammende Zug (gaaaaaanz langsam wegen der Erschütterungen) über den 300m hohen Abgrund direkt an den Wandfuss bringt...

b. Bergsteigen in Burma

Mindestens genauso abenteuerlich und aufregend ist es, sich dem geheimnisvollen Mount Khakaborazi anzunähern, dem mit 5.889m höchsten Berg von Südost-Asien, der sich, umgeben von spektakulärer Natur, ganz oben im Norden von Burma versteckt. Ausgangspunkt ist ein Ort namens Putao, der auf dem Landweg aber nicht erreicht werden kann, da in Burma immer noch viele Regionen für den Touri gesperrt sind, was man hinzunehmen hat. Dafür fliegt die lokale Airline „Asian Wings“ Putao paar Mal jede Woche an und zwei exklusive Unterkünfte gibt es dort auch: Die vornehme „Malikha Lodge“* und das „Putao Trekking House“*. Bei einem Besuch ist zu beachten, dass schon Trekking „da oben“ eine Sondergenehmigung braucht und nur mit Guides gestattet wird, was aber als Komplettpaket über lokale Ansprechpartner oder gleich direkt über die Unterkünfte organisiert werden kann. Gleiches gilt für die Besteigung des schnee- und eisbedeckten Mount Khakaborazi, der zum Ausläufer des Himalay gehört – und alles andere als einen lockeren Sonntagsspaziergang verspricht, verdammt, aber halt auch wieder so großartig in der Landschaft rumsteht...

Siehe: Google.de/Suchwort „Mount Khakaborazi“



Jede Menge gute Gründe also, sich bald mal wieder am Tresen zu treffen und bei einem Tässchen Chai gemeinsam in sich reinzuhorchen. Möglicherweise vernimmt ja noch jemand aus dem Umfeld unserer Halle dieses leise Rufen und Locken, das von weit weg zu kommen scheint, aus einem Land, das – obwohl mit Militärs am Ruder – so derart faszinierend ist, dass man glatt noch ein drittes Mal SOFORT dort hinreisen könnt...


Ach ja, seufz,

Euer C1


PS: Blut gelickt? Angekleckt – so säh´s rund ums Mount Khakaborazi-Basecamp aus:

www.putaotrekkinghouse.com

www.malikhalodge.net

Copyright alle Bilder: C1


01.02.2014 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 01.02.2014