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Alpine Klassiker

 

Alpine Klassiker " Ende Nie"

 

Die endliche Geschichte

 

Inwieweit man diese Tour trotz ihrer vergleichsweise jungen Geschichte schon als Klassiker bezeichnen darf, da dürfen sich gerne die Korinthenkacker dieser Welt drum streiten. Meines Erachtens hat sie jedenfalls das Zeug dazu und ist auf einem guten Weg dorthin. Selbst wenn die Hardcore-Vertical-Abonnenten ob der Beboltung bei der Bezeichnung „alpin“ verächtlich die Nase rümpfen. Wie dem auch sei, ihr Name ist jedenfalls Programm. Die schiere Länge bei vergleichsweise guter Sicherung und fast durchwegs erfreuliche Kletterei verschafften ihr innerhalb kürzester Zeit hohen Bekanntheitsgrad und machten sie zu einem begehrten Ziel. So etwas muss natürlich auch in das eigene Routenportfolio.


 

Ende Nie: Der lange Weg vom Schneefeld bis zum Gipfel


 

Die Dauermauerläufertour befindet sich am Breithorn (2413m) in den Loferer Steinbergen. Erstbegangen und eingerichtet wurde sie im August 2001 vom unermüdlichen Adi Stocker unter mithilfe seiner vielen Kletterkumpel von der HG-Stoaberg. Der Name Stocker steht schon immer für ausgesucht schöne Kletterei bei familienfreundlicher Absicherung. Sein aberwitziger Tatendrang beschert der Klettergemeinde seit nun mehreren Jahrzehnten eine immer weiter wachsende Anzahl ausgesuchter Tourenziele. Wie ein Trüffelschwein spürt er weiterhin Jahr für Jahr Pretiosen an oftmals bislang eher unbekannten Wänden auf. Erfreulicherweise dies auch noch in den von uns aus in akzeptabler Entfernung liegenden Kalkbergen. Mögen er, seine Spürnase und seine Bohrmaschine uns noch lange in bewährtem Stil erhalten bleiben.

 

 

Paradekletterei mit Stockerbolts


 

Wie es manchmal so ist und durch das Korsett leidiger Verpflichtungen vorgegeben, lassen wir erstmal eine stabile Schönwetterphase verstreichen. Mitte Juli zeichnen sich dann einzelne Pausen im Dauergewittergeschehen ab, davon wollen wir eine nutzen. Gesagt getan, ein Tag Urlaub, nach der Arbeit Gerümpel gepackt, erstmalig auch einen Trinksack befüllt und ab nach Lofer. Da kann man an der Tankstelle gleich noch passende Wurstwaren zum mitgebrachten Getränk erstehen. Was am Parkplatz dann alles der zugedachten Verwendung zugeführt wird.

Die Nacht ist lau, der Boden feucht, die Stimmung gut.

Um 4:00 piept die Uhr, für mich gibt es einen schnellen Morgenkaffee aus der Thermoskanne. Vali trinkt lieber großindustriell gefertigtes Zuckerwasser. Ich werd erst mit Koffein im Leib langsam erträglich, er jedoch mutiert mit dieser Droge zu einer schwer verdaulichen Mischung aus Otto Waalkes und einem wildgewordenen Gummiflummi. Das muss nicht sein, anstrengend wird es auch so.

Eine halbe Stunde später geht es los und um 6:00 sind wir am Einstieg.

Dass es einem da munter entgegentropft, kenn ich noch von einer Begehung ein paar Jahre davor. Trocken wäre es sicher auch schön. Aber über so was nachzudenken, bringt einen letztlich nicht nach oben.

 

 

Ziag oda fliag


 

Die erste 6erStelle kommt in der 3. Seillänge und das ganz schön kräftig. Geschenke werden nicht verteilt, sie wollen es deutlich wissen. Valis Bizeps schwillt beängstigend und hilft ihm souverän weiter. Ich suche mein Heil eher in Geschwindigkeit, denn wo nichts ist, kann nichts schwellen. Nachdem die Wand nun langsam trockener wird, betröpfel ich mich zum Ausgleich regelmäßig mit meinem Trinksackschlauch. Vielleicht bin ich für so ein modernes Zeug zu alt. Oder schlicht zu blöd.

 

 

waagrechtes Grasklettern


 

Mal links, mal rauf, mal mittendurch geht es weiter. So ein richtiges Wandgefühl will dabei noch nicht aufkommen. Dafür gibt es zuviel Bänder und Absätze.

 

 

Schon Jahre vorher muss auch Robert nach links zum nächsten Band queren


 

Vor ein paar Jahren wurden wir irgendwo hier von einer gleichzeitig kletternden Seilschaft überholt, die mit einer Batterie t-blocks bewaffnet und per walkie-talkie kommunizierend lässig an uns altbackenen Standsicherern vorbeizogen. Heute sind wir völlig allein und bleiben auch diesmal bei der klassischen Überschlagsvariante. Das geht gut, man darf halt nichts vertändeln.

 

 

Vali schwimmt im Plattenmeer


 

Dabei hilft natürlich die vorgefertigt vorhandene Fixsicherung, die im Großen und Ganzen als ausreichend betrachtet werden kann. Hin und wieder kann man Keilchen oder Cams pfrimeln, meist muss und kann es ohne gehen. Und wenn dann sogar an einer Stelle mal eine Lasche fehlt, stülpt man über den Bolzen einen Stopper. Damit hat man den auch verwendet und die Exe hängt.

 

 

Vali macht im Plattenmeer auch noch den Freischwimmer


 

Ab dem ersten Drittel wird die Route dann etwas wandiger. Prächtiges Geplattel und Wasserrillengestehe dominiert. So kommen wir zum bekannten Durchschlupf, der mehr durch Gerampfe, als durch Schönheit besticht.

 

 

 

 

Durchschlupf 2006 und 2010: die Wadl verändern sich, der Rampf bleibt gleich


 

Ausladende Rucksäcke bzw. Brauereigeschwüre erweisen sich bei so etwas als eher hinderlich. Wer das vergisst oder ignoriert, bleibt stecken. Das wär blöd, nach gut der Hälfte der Tour. Man bekommt aber auch so sein Fett weg. Und ich natürlich wieder eine Dusche aus meinem Trinkschlauch.

 

 

Schlachtplatte, lieber gleich weiter


 

Ein eindrücklicher Riss, der einen jäh vom Plattengetänzel wieder auf den Boden der Tatsachen führt, leitet dann zur Schulter vor dem Gipfelaufbau.

 

 

wo ein Riss ist, ist ein Weg


 

Auf dieser Schulter findet man nach ein bisschen Gehgelände rechtshaltend den Weiterweg. Ein prächtiges Plätzchen zum Brotzeit machen, sicher auch biwakieren. Zudem kann man hier abbrechen, ausqueren und sich nach unten durchschlagen. Letzteres ist erwiesenermaßen unerfreulich. Eigene Erfahrung zeigt, dass dieser Option, wenn irgend möglich, nicht der Vorzug gegeben werden sollte.

 

Der Gipfelaufbau setzt der Route die Krone auf. Eine wahre Prachtwand, die alles bietet, was das Kletterherz erfreut.

 

 

Rissspass in der Gipfelwand


 

Eigentlich kann man sich hier nach bislang eher schattigem Verlauf aufgrund der veränderten Wandexposition wunderbar die Seele von der Nachmittagssonne wärmen lassen. Bei uns wurde es aber merkwürdig diesig und dampfig. Die Sonne ist nur noch ein diffuser Ball in der Nebelwolkensuppe, Tautropfen bilden sich auf jedem Haar. Ein deutliches Zeichen, dass man nicht mehr viel Zeit verlieren sollte. Dabei darf man sich aber noch mal richtig konzentrieren, die Kletterei gestaltet sich anhaltend. Dass sie weiterhin höchst erfreulich ist, stört dabei natürlich kaum. Eher schon, dass zumindest wir das Gefühl hatten, die Boltdichte nähme gegen Ende ein klitzekleinbisschen ab. Vielleicht waren wir aber nur schon etwas müde. Was man ja sein darf, nach letztlich 38 Seillängen steilem Gewerke. Nur mein Trinkschlauch behält eisern und unbeirrt seine Inkontinenz.

 

 

Kurz vor Schluss, Vali fischt im Trüben


 

Am Ausstieg ist dann das Wandbuch. Da kann man sich Eintragen und vor allem ist das der Platz, an dem man aus den Patschen rauskommt und einen Knoten in seinen Trinkschlauch machen kann. Denn der Rest zum Gipfel bietet kaum mehr Widerstand.

 

Das Gipfelkreuz hat eine Glocke, mit der kann man den Feierabend einläuten. So hört man wenigstens was, denn sehen tun jedenfalls wir nicht viel. Wir fühlen uns wie in einem türkischen Dampfbad, entsprechend kurz ist die Gipfelrast. Um halb sechs machen wir uns dort vom Acker.

 

 

Gipfelbimmel


 

Was jetzt kommt, sollte man sich vorher lieber nicht ganz klar machen. Trotzdem aber entsprechend Zeit und Nerven einkalkulieren.

Der Abstieg führt zunächst durch ein Labyrinth aus abzukletternden Stufen und Traversen bis zur nächsten abzukletternden Stufe. Steinmänner helfen bei der Wegfindung, wenn man sie sieht und richtig zu deuten weiß. Im dichten Nebel stochern wir da etwas herum. Irgendwann ist man dann auf einem veritablen Weg. Den kann man nach links zur Schmidt-Zabirow-Hütte laufen und dort den Abend bei TAB und Kaspressknödeln verbringen. Oder man geht, so wie wir, nach rechts und beginnt mit der langsamen, aber stetigen Vernichtung seiner Knie.

Bei etwa der Hälfte des Abstiegs hat das labile Wetter kein Einsehen mehr und beschenkt uns mit einem grandiosen Gewitter. Der erwartete Platzregen bleibt aber zunächst aus, dafür gibt es veritablen Hagel. Und was für einen! Schlossen von Eiergröße (eher Huhn als Kaviar) rauschen herab und nach den ersten Einschlägen wird klar, ohne Helm wird das nichts. So unter Beschuss steht man selten und da der Helm irgendwo aufhört, gibt es leider immer noch genügend Trefferfläche. Irgendwann geht das Trommelfeuer dann in den üblichen Wolkenbruch über. Das freut uns, denn nun werden die Hagelhämatome durch die diversen Rinnsale auf der Haut gekühlt. Davon wird einem nicht wärmer, also trotten wir weiter. Wenn man dann eigentlich aufgegeben hat, daran zu glauben, dass es irgendwann auch einmal zu Ende sein könnte, ist man unten. Leider noch nicht am Auto, denn das steht etwas weiter östlich. Also geht es zum Auslaufen noch malerisch im Tal dahin, der Regen lässt nach, das Frösteln bleibt.

Gegen zehn sind wir schließlich am Auto und machen aus der unendlichen eine endliche Geschichte. Die nassen Klamotten werden vom Leib geschält, der letzte Müsliriegel verdrückt. Und es geht nicht nur in frisches Gewand, sondern auch wieder rein in das Korsett, zwengs dem man den Tag nicht vor Ort geruhsam ausklingen lässt, sondern gen Heimat braust, um sich ein paar Stunden später termingetrieben mit völlig anderen Dingen zu beschäftigen.

 

 

 

Facts:

Breithorn NNO-Wand, „Ende Nie“

Erstbegeher: A. Stocker & J. Simar, 30. August 2001

Eingerichtet im August 2001 von A. Stocker, L. Würtl, K. Widmoser, G.Flatscher, J. Simar, W. Reich

Wandhöhe ca. 900 m, 1500 Klettermeter, ca. 38 SL, oft 6/6+, meist 5 aber auch einiges leichter.

SH und ZH gebohrt, bergübliches Material, ein paar Stopper und ggf. 1 kleiner und mittlerer Cam angenehm, evtl. auch 1-2 Laschen und Muttern für Schwerlastanker, Schlingen. Der Erstbegeher empfiehlt zu Recht die Verwendung bequemer, gut eingelatschter Kletterschuhe, dies gilt auch für die Abstiegsschuhe

23.10.2013 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 23.10.2013