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Alpine Klassiker

Die Eiger-Nordwand: Gipfelglück im dritten Anlauf

Die Jahreszeit: April 2013
Die Route: Heckmair-Vörg-Route (1800 Hm, 3000 Klettermeter, V, 60°)
Die Erinnerung: Genau 75 Jahre ist es jetzt her,...

2010

...seit der legendären Erstbegehung unter Führung vom Anderl Heckmair. Dessen berühmter Route folgend, wollten auch wir* - wenigstens 1x im Leben - durch die legendenumrankte "Mordwand" durchklettern. Beim ersten Versuch in 2010 gab es keine guten Verhältnisse (siehe linkes Bild): Schlechtes Wetter, mit so viel Nebel, dass der Wandfuss nicht einmal zu finden war. Unverrichteter Dinge wurde abgereist...


Wo isch'n die Wand? Kleine Scheidegg 2010, Kleine Scheidegg 2013.

2011

...und wieder zurückgekommen. Nur ein Jahr später: 2011. Im Internet häuften sich damals die Berichte, dass die Verhältnisse geradezu phantastisch sein müssten. Also nix wie auf nach Grindelwald! In die Wand eingestiegen - und immerhin bis zu den Platten unter dem "Schwierigen Riss" gekommen. Dann wurde für den Weg zurück entschieden: Zu müde und viel zuviel Gepäck dabei. Bei diesem zweiten Versuch waren aber wichtige Dinge zu lernen: Vor allem, wie entscheidend es ist, mental in absoluter Topform zu sein.


Unter der "Roten Fluh".

Damals, 2011, war ein Filmteam zur gleichen Zeit mit in der Wand und arbeitete an "Metanoia", der Verfilmung des grossen Sologangs von Jeff Lowe (1991). Neben Thomas Bubendorfer gibt es ja noch einige weitere, berühmte Eiger-Sologänger: Jeff Lowe eben. Und - vermutlich nur Insidern bekannt: Pavol "Pavúk" Pochylý. Durch diese zufällige Begegnung damals, mit dem Lowe-Filmteam, ergab sich die Möglichkeit, das berühmte "Stollenloch" zu entdecken. Und damit auch die Möglichkeit zum Ausstieg aus der Wand und Talfahrt mit der Eigerbahn. Das sogenannte "Stollenloch" ist eine total unauffällige Tür mittendrin im Nirgendwo, die man niemals finden würde, wenn man nicht wüsste, wo genau sie sich befindet. Durch dieses Loch wurde das Gestein rausgeschüttet, das sich vor über 100 Jahren, im Zuge der Tunnelbohrarbeiten, im Inneren des Berges türmte. Auf Wiedersehen Grindelwald - bis nächsten Winter!

2012

...war den ganzen Winter lang nur schlechtes Wetter, zu ungünstig für Eigersachen. Dadurch ergab sich aber jede Menge Zeit, zur Verfeinerung der Planung und zum Sammeln und Einholen von neuen, wertvollen Informationen.

2013

Nach einem eher durchwachsenen Winter, ergab sich Ende April 2013 ganz plötzlich die Aussicht auf ein Schönwetterfenster. Zwei ruhige Tage mit klaren Nächten wurden vorhergesagt, so dass es sich natürlich anbot zu versuchen, an diesen zwei Tagen, mit einem Biwak, bitte endlich die Wand zu durchklettern. Zu allem entschlossen brechen wir auf...


Die "Mordwand" in der Nachmittagssonne.

...und kommen gleich mal zu spät auf der Kleinen Scheidegg an, können aber noch - dank der sehr freundlichen Zugbegleiter - ausserplanmässig bis zur Station Eigergletscher weiterfahren, wo wir unser Basecamp einrichten und uns auf den nächsten Tag vorzubereiten beginnen. Dabei denken wir nicht viel über die Wand nach. Wir sind auch keine grossen Kenner ihrer Geschichte. (Wissen nichts über die inzwischen über 50 Abgestürzten.) Selbst später, in der Wand, unterhalten wir uns wenig darüber, was hier wohl so geschehen sein muss ("Todes-Biwak"): Bloss nicht auch noch im Kopf das Grauen heraufbeschwören.


Das Klettern reicht völlig, wir wollen es einfach nur geniessen.

Von Anfang an sind selbst die einfachen Seillängen sehr anstrengend, mit viel lockerem Schnee auf brüchigen Bändern, wir hätten gerne festeres Eis. Eine berühmte Seillänge folgt der nächsten und es ist, wie im Buch der alpinen Geschichte zu klettern. Und macht dazu noch richtig Spass.

Hinterstoisserquergang

Hier hängen wir uns - ohne gross über irgendetwas nachzudenken - mit der Standschlinge in die meist eingeeisten Fixseile ein und schwingen uns zum "Schwalbennest" rüber.


"Hinterstoisserquergang", mit diversen Fixseilen zur freien Auswahl.

Erstes Eisfeld und Eisschlauch

Dann folgen "Erstes Eisfeld" und "Eisschlauch": Wenigstens hier trafen wir auf genügend Kompakteis, so dass wir problemlos bis ins "Zweite Eisfeld" vorstossen können. Yiiieeppieeh!


Gutes Eis macht gute Laune: "Erstes Eisfeld" (links) und "Eisschlauch".

Rampe und Wasserfallkamin

Hier ändert sich die Stimmung wieder. Leider! Grund: Kein Eis, viel Schnee. Das "Spanierbiwak" im oberen Teil der Rampe sah schon sehr verlockend aus - wir mussten aber bis zum Abend unbedingt noch höher. Als nächste berühmte Kletterei kommt der "Wasserfallkamin", der sich als die für uns schwerste Länge rausstellte. Vor allem mental, wegen der bedrohlich aufkommenden Dunkelheit und dem Nebel, der in die Wand zieht. Aber auch sonst wahrlich nicht ohne: mit Überhängen im Kamin; und zum "Rampeneisfeld" hin.


"Rampe" bei Sonne.

Am späten Nachmittag streifen einige Sonnenstrahlen die Wand. Entsprechend "herrlich" ist gleich auch das Sein hier. Schöne Längen in der "Rampe".


Herrlich: Am Stand unter dem "Wasserfallkamin" hängt eine Fixschlinge, die bequem unter die Verschneidung führt.

Aber: Das Gelände wird einfach nicht "flacher". Wir sind erstaunt, wie viele überhängende Stellen die Wand bietet.


Vom "Wasserfallkamin" zum "Rampeneisfeld".

Biwak am "Brüchigen Band"

Nomen est Omen! Das Gelände vor dem "Brüchigen Riss" macht seinem Namen alle Ehre. Aber: Aufgrund der späten Stunde haben wir keine andere Wahl mehr und biwakieren auf dem "Brüchigen Band". Rückblickend lässt sich zweifelsfrei sagen: Jeder andere Biwak-Platz wäre komfortabler, schöner und gemütlicher gewesen. Ok - aber das wussten wir natürlich nicht. Und so "säuseln" wir auf 0.5 schrägen Quadratmetern in den Schlingen hängend durch die Nacht.


Blick in unser Schlafzimmer.

Götterquergang

Der "Götterquergang" präsentiert sich teuflisch, mit viel Schneeauflage auf haltlosem Fels. Schwierigkeit angeblich: "I-II, expo!". Also, deutlich leichter als Der rote Baron**. Wahnsinn!!!


"I-II, expo!"

In der Spinne

Altes Blankeis, ca. 100 m, auch als eine gute Seillänge möglich.


Die 100m lange Spinne.

Ausstiegsrisse

Unser zweiter Nachmittag: Die Wand ist wieder in der Sonne, und wir können schönstes Frühlingswetter geniessen. Von der "Spinne" geht es über eine Rampe zum "Quarzriss". Diese Länge zeigt sich ausnahmsweise mal von ihrer allerbesten Seite: Warmer Fels, den man gut ohne Handschuhe klettern kann. Typisch: Die Länge, vor der wir am wenigsten Infos hatten, und die uns am meisten Sorgen gemacht hat, zeigt sich als die Schönste von allen überhaupt. Vom "Corti-Biwak" geht es dann weiter über eine tolle Seilrutsche (an einem neuem Fixseil) zum Anfang der sog. "Ausstiegsrisse", den letzten beiden schwierigen Seillängen, die bereits viel Schmelzwasser ableiten.


In den "Ausstiegsrissen".

Gipfel und Abstieg

Vom letzten Stand am Ende der Felsen noch ca. 120 m am langen Seil klettern und voilà, da ist sie - die erste Ahnung von Erlösung: Wir stehen am Mittellegigrat! Links der Mond, rechts die Sonne. Jetzt "nur" noch einen Fuss vor den anderen stellen, dabei bloss nicht nach links oder rechts runterschauen - und knapp 20 Minuten später erreichen wir den Eiger-Gipfel. Aber: Keine Zeit für grosse Gefühle. Es ist 21 Uhr - und wir müssen heute noch runter! Der Abstieg wird lang und immer länger. Und die Hänge werden nicht flacher. Es kommt eine steile Stelle nach der anderen. Wir umgehen die Seracs rechts herum und finden einen Weg zwischen den Felsen hindurch. Ankunft Eigergletscher: 01.30 Uhr nachts. Gesund und glücklich - und totmüde - kriechen wir sofort in unsere Schlafsäcke rein. Einschlafzeit: 01.31 Uhr.


Vollmond beim Abstieg.

* Im Bericht wird die "wir-Form" als stellvertretend für die Gipfel-Seilschaft gewählt. Die Tour wurde in den jeweiligen Jahren mit verschiedenen Seilpartnern versucht/geklettert: Allen gilt ein grosser Dank, wie auch all jenen, die mitgeholfen und uns unterstützt haben.
** Der rote Baron = IIIer-Tour im Heavens Gate.

Text und Bilder: Jaro und Sebastian, beide Fachübungsleiter aus München, die die zwei einzigen Schönwettertage im Frühjahr 2013 in den Berner Alpen erfolgreich nutzen konnten.

19.06.2013 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 19.06.2013