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Klettern auf Rädern/II

Christian Rödling - Vorstand der IG Klettern München & Südbayern e.V.
C1 Kolumne
Ausgabe 01/2013 vom 09.04.2013

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Klettern auf Rädern/II



Wie unter Klettern auf Rädern bereits ausführlichst bewiesen, wäre der berühmte Nanga Parbat-Bezwinger Hermann Buhl ohne sein Fahrradel deutlich seltener im Gespräch. Was uns einmal mehr daran erinnert, dass Klettern und Radfahren ursprünglich eins waren, so wie Tim & Struppi ungefähr: Das eine war ohne das andere einfach nicht denkbar, jedenfalls nicht in jenen Zeiten, als es noch kaum Autos oder Züge gab, die Dich zu den Bergen brachten. Kein Radel – kein Klettern. So war es in den 50er-Jahren...

Kubanisches Mountainbike aus dem Jahre 2012
...und so ist es heute noch: Nicht bei uns, sondern auf Kuba! Im grünen Herzen der Karibik. Und ein Ort namens Vinales, so munkeln die Kenner, soll der geilste Kletter-Hotspot dort sein. So cool und so lässig wie unsere Halle! Mit anderen Worten: Auf nach Vinales:

Let’s go to Kuba!
Nichts ist auf Kuba, wie man es kennt. Alles funktioniert zwar irgendwie – aber halt auch irgendwie anders.

Same same. But different.
Aufregend anders. Langsamer. Gelassener. Wie vor 50 Jahren eben. Heißt: Es gibt kaum Autos auf Kuba. Dafür sehr gute Straßen. Es gibt ein paar Züge. Aber nicht nach Vinales. Tatsächlich führen von der Hauptstadt nur 3 Wege in das ca. 200 Kilometer entfernt liegende tiefe „Tal der Superfelsen“: Zu Fuß. Mit dem Bus. Oder: pedalierend!

Treue – aber teure – Begleiter.
Fazit von Tag 1 im Sattel: 4 Platten und ein gebrochener Gepäckträger. Zeit genug, um nachzudenken. Z.B., was man über Kuba weiss? Los geht´s: Name der Hauptstadt (im Hintergrund)?

Havanna!
Ok. Was fällt einem noch zu Kuba ein? Antwort: Fidel Castro, Che Guevara, Revolution, Salsa, Frauen. Zigarren. Buena Vista Social Club vielleicht noch. Und irgendwas mit Schweinebucht. Aber das war´s dann auch schon. Oder? Der Rest ist vergessen. Und das ist sehr schade. Denn: Auf Kuba hat sich einst Atemberaubendes zugetragen! Das stolze kleine tapfere Kuba nämlich hatte irgendwann keinen Bock mehr auf Versklavung – und ging in den Widerstand. Im Jahr 1958 war das, da putschten Fidel & Genossen zuerst den Präsidenten aus dem Amt. Dann enteigneten sie die (amerikanischen) Großgrundbesitzer, verwiesen sämtliche Amis der Insel, entließen sich damit selbst in die Freiheit – und teilten das extrem fruchtbare Land neu unter sich auf. Motto: Alles sollte Allen gehören. Jeder ist gleich. Niemand ist besser: „Yiiieeppiiieiyei!“ Und so geschah es denn auch. Und ist seitdem so.

Ami go home! Auto bleib da.
Nur: Diesen glatten Arschtritt hat der Big Brother (= Römisches Reich) dem kleinen Kuba (= Gallisches Dorf) bis auf den heutigen Tag nicht verziehen. Amerika ist nach wie vor zutiefst beleidigt – und blockiert seit 50 Jahren die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, indem es den Austausch von Waren mit Kuba sanktioniert. Die Folge für Kuba: Kein Import und kein Export – seit über einem halben Jahrhundert nun schon! Das Volk muss nur mit dem auskommen, was es aus eigener Kraft produziert. Und das ist vor allem: Freude am Leben! Freude am Sein! Was aber auch nicht recht verwundert:

„Es ist das herrlichste Land, das Menschenaugen je erblickt haben.“
Man möchte sein ganzes Leben lang bleiben“, soll schon Kolumbus ganz verzückt (auf spanisch) gesagt haben, als er 1492 erstmals jene Insel betrat, von der er glaubte, das dort das Gold wachsen würde... Soviel zu Kuba. Noch ein Satz zum Fidel:

El Commandante!
Der inzwischen 86jährige Fidel Castro hat bis heute 10 amerikanische Präsidenten und seit Beginn seiner Amtszeit angeblich mehr als 600 Attentate überlebt. Mit seinen Visionen von einer gerechteren Gesellschaft hat er dazu beigetragen, dass jeder Kubaner Anspruch auf eine Art Grundversorgung hat, die die Menschen von eben jenen Sorgen befreit, die wir hier als „Existenzängste“ kennen: Arbeitslosigkeit. Hunger. Altersarmut. Einsamkeit.

Die Folge: No Hektik. No Stress. (Blick auf die Autobahn)
Der Preis für dieses bessere Leben: Es gibt sehr viele Pseudo-Jobs. Ärzte, Juristen, Professoren bekommen den gleichen Lohn wie Zuckerrübenpflücker. Auch extrem gewöhnungsbedürftig: Kein Kontakt zum Rest der Welt. Grund: Kein Internet. Kein Radio. Kein freies Fernsehen. Dafür immerhin 2 Zeitungen – beide herausgegeben von der Partei. Mit einem Wort: Intellektuelle Info-Inzucht. (Vergleichbare Polit-Systeme gibt es auf unserem Planeten nur noch in China und in Nordkorea.) Dafür hat es auf Kuba so gut wie keine Kriminalität. In dem musikalisch wie spirituell hochentwickelten Land geniesst man eine durchschnittlichen Lebenserwartung von 78 Jahren – und verfügt dazu über Kletter-Gebiet, wie man es sich chilliger kaum vorstellen kann: Für die 200 Kilometer bis dort hin brauchen wir 1 Woche. Aber dann liegt sie endlich vor uns, diese traumhafte Landschaft. Und mittendrin – da ist Vinales. Und mitten in Vinales, da wohnt der Oscar*, der in einem früheren Leben selbst mal richtig schwer geklettert ist und nun, im Ruhestand, als der unangefochtene Hausmeister gilt, weil er halt – neben seiner Erfahrung - alle jene Dinge besitzt, die ein Fremder dringend braucht: Tipps und Infos, dazu Topos**, plus respektables Verleihmaterial, inkl. sehr gepflegten Zimmern, mit Wäscherei und kleinem Restaurantbetrieb.

Oscar´s Pinwand.
„Deutsche. Deutsche. Schon wieder Deutsche!“, sagt Oscar, als er uns die Türe aufmacht. „Ha! Grad war schon einer von euch da. Einen ganzen Monat lang! Und jeden Tag ist der zum Klettern gegangen. Jeden Tag! Von morgens bis abends! Schau: Dieses Buch hat der geschrieben.“ (Und er dückt uns einen panico-Führer in die Hand. Titel: „Frankenjura Extrem“. Autor: Sebastian Schwertner. Beste Grüße von hier.) Wo er uns denn nun hinschicken würde, fragen wir Oscar. Was er uns empfehlen könnte - einfach nur zum „so mal gucken“. Daraufhin zeigt er nach Westen. Und meint: Immer nur geradeaus. Bis wir bei einer Treppe ankommen, die zu einer Grotte führt...

Vorne: Tabak. Hinten: Klettern.
Wir finden die Treppe. Wir finden die Grotte. Und stoßen dort auf zwei junge Burschen, beide so um Mitte 20: Pedro und Juan. Es dämmert bereits, Fledermäuse jagen kreuz und quer um unsere Köpfe. „Wir sind jeden Tag hier!“, sagt Pedro, bindet sich ein und geht zum Feierabend noch einen Überhang im VIII. Grad: Etwa 25 Zug-Kombinationen. Traumhaft sicher macht er das. Beneidenswert geradezu.

Pedro, kurz vorm Feierabend
Die Fledermauswolke wird dichter und dichter, als Juan die Route im letzten Licht noch wiederholt.

Juan at work
„Kommt morgen wieder“, sagen die beiden zum Abschied. Und Pedro bekräftigt: „Wenn ihr was braucht, wir leihen euch alles.“ Dann gehen sie die Treppe hinunter. Wir bleiben in der Grotte zurück. Schauen über die Tabakplantagen weit hinaus ins flache Land. Lassen unsere Blicke schweifen. Und die Gedanken mit dazu...

Blick Richtung Kunstpark
Irgendwo da hinten muss das Heavens Gate stehen... Immer nur gerade aus... Öffne die Tür und du wirst an einer Treppe ankommen, ...

... die Dich zu einer Grotte führt.
Ach ja seufz,
Euer C1


*Oscar Jaime Rodriguez, Vinales, Calle Azcuy 43, Tel: 0148-695516
**siehe auch: www.cubaclimbing.com

Alle Bilder © Helga Liebl, außer Bild 13
09.04.2013 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 09.04.2013