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Alpine Klassiker

Bergell: Sciora di Fuori, Diretta Integrale, 24SL



Sommer, ein bisschen Urlaub, das Wetter einwandfrei und die Stimmung prächtig. Es müssen nicht immer die Dolos sein, also geht’s endlich wieder mal Richtung Bondascakessel. Im Nachdunst des vormittäglichen Regens dampfen wir zur Sciorahütte. Diese kürzlich von manchen so geschmähte Behausung präsentiert sich uns als äußerst einladend. Für den abstrusen Wechselkurs (damals 1:1) kann sie beim besten Willen nichts.



Vali beim Sciorawellness

Es gibt so Berge. Wenn man sie das erste Mal sieht, hat man das Gefühl, als ob man ihr Bild schon immer in sich getragen hat. Einige davon stehen im Bergell.

Und einer davon ist die Sciora di Fuori. Die flammengleiche NW-Kante definiert die Linie, wie gemalt zwirbelt sich dort die Route hoch.



Berge wie gemalt

Seit dem ersten ehrfurchtsvollen Blick auf das Foto im Extrem-Pause, ist sie schon seit langem ein Objekt der Begierde. Da ist sie allerdings noch mit dem Originaleinstieg der Erstbegeher von 1933 (Simon & Weipert) beschrieben, die sich über Bänder kraxelnd den direkten Weg über die untere Wandhälfte sparten und sich gleich an das Sahnestückchen im oberen Teil machten. Mittlerweile gibt es aber per Direkteinstieg von 1969 und diverse Varianten mit der Diretta Integrale eine prächtige Genußverlängerung. Und spätestens seit 1998 glänzen auch einige Bolzen im Gemäuer, die die ganze Unternehmung deutlich entspannen. So wird im Verlauf von immerhin 80 Jahren sukzessive über ständige Bastelarbeiten aus was Tollem etwas immer noch Tolleres. Gut für uns.



Da gehts hoch

Insgesamt hat man von der Hütte aus einen guten Kilometer Höhenunterschied vor der Brust. Grund genug, rechtzeitig den Wecker zu stellen.

Der morgendliche Frühstart ist wie immer unerfreulich, das Frühstück eher Pflichterfüllung und das Moränengekrauche im fahlen Licht der Hirnbirn zumindest beim Stolpern erwärmend.

Das trittfreundlich halbweiche Firnfeld am Einstieg erlaubt eine Erleichterung, denn Eisen und Pickel kommen aus dem Rucksack und dürfen dort auf uns warten.



Vali geht ein Licht auf

Anfangs etwas unübersichtlich turnt man nach oben und nimmt langsam Fahrt auf. Nach 8 SL ist endgültig Tag, ein gemütliches Band bietet Raum zum Pinkeln und den ersten Müsliriegel.



Vali gibt alles am Pausenband

Ab jetzt darf man etwas kräftiger zupacken und seine Fäuste in einer Prachtverschneidung verklemmen.



Klemmparad

Immer weiter und weiter geht es links der Kante hinauf, über Risse, Platten, Wände. Ständig was zu tun, keine echten Ruhepausen und das Ganze in einer Wahnsinnslandschaft, herrlich.



Weiter gehts

Dann wird es auf einmal etwas heller. Bislang doch deutlich im Schatten, kommt von rechts mehr Licht. Hier war früher mal Berg und die Route führte durch einen wohl nicht ganz trivialen Riss neben der Kante nach oben. Der Berg bzw. dieses Stück war dann mitsamt dem Riss dort auf einmal weg, dafür im Tal. Immerhin ist jetzt Platz für Sonnenstrahlen. Nachdem hier eine Zeit lang Schluss mit Klettern war, hat sich jemand die Mühe gemacht, per Hand haarscharf links der neuen Kante einige Bohrhaken in die glatte Wand zu basteln, um sich daran hochzuleitern.



Weg zum Licht

Diese Großtat ermöglicht uns heute einen sagenhaften Kletterspaß. Rechts saugende Tiefe, mit Hand und Fuß teils direkt an der scharfen Bergsturzkante. Je nach Gusto dann ein Stück daneben entweder filgran über steile Plattenwand hochstehen oder etwas brachialer mit ein paar Zügen am gebohrten Alteisen lässt man dieses Herzstück der ganzen Tour hinter sich. Unvergesslich und herrlich luftig diese Schlüssellängen im oberen Teil der Kante, die gleichermaßen feinfühlig balanciertes Steigen wie kräftiges Zupacken erfordern.



Steil ist geil

Bei den Ausstiegsseillängen genehmigt sich dann das laut Eigendarstellung eigentlich Unfehlbarkeit suggerierende Topoguidetopo doch einige künstlerische Freiheiten. Was einen frei Schnauze gehend aber nach der zurückgelegten Wegstrecke dann nicht mehr aus der Bahn werfen sollte. Letztlich hilft einem die Skizze unten sowieso nicht viel und oben ist es eh schon wurscht. Aber immerhin beruhigend für das Fußvolk, dass selbst das eigenlobtrunkene Autorenpaar mit irdischem Wasser kocht..



Standardposing


Außerdem sollte man hier oben sowieso mehr das grandiose Panorama genießen, als verzweifelt den Sinn in Führern suchen.




Halbzeit

Ist man dann oben, muss man auch wieder runter.

Das kann hier dauern und ist nicht ganz trivial. Ein bisschen alpinen Spürsinn braucht man da, sicheres Steigen im auch mal schuttigen Kraxelgelände und volle Konzentration.



Obacht geben!

Sonst kann aus Spaß leicht Ernst werden. Wurde es aber nicht. In den letzten Abseillängen lässt zunehmend die Anspannung nach, vor allem wenn sich kein einziges Mal das Seil beim Abziehen verhängt. Brav so.



Am Nylonfaden

Unser am Einstieg deponiertes Eisenzeug darf noch eine Nacht auf uns warten, wir entscheiden uns spontan zu einem parforce-Ritt über das Blockfeld Richtung Hütte.



Vali wittert das Bier

Eine richtige Entscheidung, denn die Hüttenleute haben uns trotz deutlicher Verspätung das Abendessen parat gehalten. Und die fällige Dose Calanda. Die ihre 7,5 CHF mehr als wert war.

Grund genug wieder zu kommen.



Soglio bietet Einblick in die Wunderwelt

Bild + Text: Sebi


facts:

Sciora di Fuori 3169m, NW-Kante „Diretta Integrale“, 7+ bzw. 7-/A0, meist 5 – 6, ca. 850 m Wandhöhe, etwa 24 SL, 1,5 h Zustieg, 8 - 9 h für die Tour, 4 -5 h Abstieg, oft länger. Stände weitgehend eingerichtet, im unteren Teil einige bolts, nach oben etwas weniger. Das übliche Alpingerümpel wie Stopper, Cams, Schlingen zudem höchst sinnvoll.

13.02.2013 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 13.02.2013