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Auch die Liebe führt zum Tresen

Christian Rödling - Vorstand der IG Klettern München & Südbayern e.V.
C1 Kolumne
Ausgabe 02/2012 vom 21.03.2012

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Auch die Liebe führt zum Tresen



Liebe Freunde dieser Seite,
es ist mal wieder an der Zeit, ganz ordentlich ins Horn zu stoßen. Der Grund: Kolumne Nr. 70 – „Tröööööööt“.
70 ist ne runde Sache und ne ganz schön große Zahl, die vor allem davon zeugt, wie die Zeit ins Lande zieht. Und alle um uns älter werden. Oder wenigstens erwachsen, was auch immer das besagt. Also: „Reifer werden“ ist das Stichwort, das uns zu der Frage leitet, wo denn all die Leute hin sind, die sooo viiiiiele Jahre jeden Tag im HG waren – und dann plötzlich gar nicht mehr? Was machen die heute? Wer erinnert sich noch?
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Wer erinnert sich noch?

Zum Beispiel an den guten Haydar P*., der (wie damals eigentlich alle) chronisch dauerpleite war. Einmal campten wir am Brauneck, da hatte der Haydar den klaren Auftrag, was zum Essen mitzubringen. Wir liegen also in der Koje, der Haydar packt das Futter aus. Und was hatte er dabei? 1 Dose Bier für jeden und 1 Gurke, sonst Nullkommajosef, nicht mal einen Zwieback – nach einem ganzen Tag am Fels. Ach ja, der Haydar! Lebt glücklich daheim mit Frau und 2 Kindern. Das letzte, was ich von ihm weiss, ist, dass er der Haus- und Hof-Fotograf eines berühmten Museums wurde, dort Alte Meister digitalisiert – und gern „mim Bob“ zum Radeln geht...
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Perfekte Beilage zu Gurke & Bier

Robert L*., genannt „Bob“, stürzte am 16. Oktober 1999 an der Südseite der Kampenwand ernsthafter ab, kam aber nach einem längeren „Urlaub im Gipsbett“ gottseidank & voll fit wieder – verschwand dann aber plötzlich völlig von der Bildfläche! Hä? Irgendwann kam eine Karte. Hochzeitsglocken waren drauf. Die Liebe hatte ihn erwischt. Klettern war damit vorbei. Der Bob heiratete lieber, am Gardasee – ein Mädel aus Arco. Und lebt heute im Chiemgau, mit Blick auf seinen Schicksalsberg...
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Der Bob – bekam voll einen auf die Glocken

Apropos Arco: Die blinde Judith kann bezeugen, dass es mal kein Geringerer als unser Herr Ralf N*. war, der da eines lauwarmen Abends etwa 50 Meter überm Campingplatz „Zoo“ absolut hilflos im Sonnenuntergang hing – und dort vermutlich bis heute noch hinge, hätte ihn nicht jemand aus dem Prusik geschnitten, der ihm beim Abseilen zum Verhängnis wurde. Auch den Ralf traf Amors Pfeil. Oder absorbierte die Arbeit. (Was ja oft das Gleiche ist!) Und so entschwand auch er vor Jahren. Doch Ralfs Baby, das lebt weiter. Sein Name: Marsupilami. Besondere Kennzeichen: Gelb-schwarz gepunktet – und der mit ca. 110 Metern vermutlich längste Indoor-Quergang der Welt...
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Ralf´s Baby. Man sieht deutlich:
Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd

Auch den Martin P.*, vor einem halben Leben mal unser IG-Bibliothekar, „verleitete“ eine glückliche Arbeit oder eine unglückliche Liebe und/oder beides schlußendlich zum Abschied: Von der Halle. Von München. Von seinen Dreadlocks – und liess ihn „draußen am Land“ nach einem neuen Betätigungsfeld suchen, das er dort auch endlich fand. Erst neulich jedenfalls wurde er mal wieder gesichtet, auf der Reise Richtung Prag, zur Europameisterschaft, in seiner neuen Paradedisziplin, der er sich seit Jahren obsessiv verschrieben hat: Dem Jo-Jo! Jaja: Dem Jo-Jo, das mit seinem ewigen Rauf- und Runter ja eigentlich auch nichts anderes als Klettern ist, nur halt noch viel gefährlicher! Denn: Profi-Jo-Jos sind aus Metall. Und – speziell in der Anfängerphase – kriegst du die dauernd fullspeed ans Hirn...

Vier Leute, vier Lebenswege, eine Schlussfolgerung: Für „echte Hallentiere“ gibt's nur eine einzige Droge, die dem Adrenalin ernsthaft Konkurrenz machen kann. Dopamin nämlich, das dem Verliebten die Sinne vernebelt, indem es ihm das einzig wahre Glück vorgaukelt. Ein Glück, das noch größer sein soll als Klettern? Gibt´s so etwas überhaupt? Da lachen ja nicht nur die Hühner! Nutzen wir die 70. Kolumne also als Gelegenheit, um zur Liebe, diesem ewigen Thema, die Weisheit des Alters das Schlußwort sprechen zu lassen:

Verliebtheit ist ein intensives Gefühl der Zuneigung. Sie wird nach Ansicht von Psychologen von einer Einengung des Bewusstseins begleitet, die zur Fehleinschätzung des Objektes der Zuneigung führen kann. Fehler des anderen können übersehen oder als besonders positive Attribute erlebt werden. Verliebtheit ist kein Dauerzustand, sie besteht als eine Phase über einen längeren oder kürzeren Zeitraum, kann abflauen und sich auflösen (...)“.
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Modell gibts auch in rosarot...

Was sagt uns dieses Wikipedia-Zitat? Genau: Früher oder später sehen wir uns eh alle wieder: Wirklich glücklich(!) und verschwitzt, oben, am Tresen, im Heavens Gate.

Da sitzt schon längst,

Euer C1

* Zipfigsicht bleibt zwar Zipfigsicht. Trotzdem: Namen aus juristischen Gründen leicht verändert. Wir bitten um Verständnis...

21.03.2012 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 21.03.2012