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Helden der Halle

Ausgabe #6 vom 17.11.2010
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Der Tom

Oder: Der Wirt vom Gasthaus zur Dusche
A ch ja, der Tom. Der Schlager Tom: Ist derzeit immer montags da. Betreut da seine festen Gruppen. Und verschwindet danach wieder. Kommt also 1x in die Halle. Prima! Nur: Der Rhythmus war mal anders. Tom´s Hallen-Rhythmus ging mal so: Montag. Dienstag. Mittwoch. Donnerstag. Freitag. Samstag. Und am Sonntag meistens auch: Lebte er in der Kletterhalle. Manchmal 40 Stunden lang. Und schuftete beim Umbau mit. Ende ´97 ging der los, bis genau zum 17.01.1998, dem Tag, an dem „die Halle“ erstmals ihre Blechtür aufschloss – und sich der mehr als nur gespannten Szene stolz als das neue Vereinsheim der genauso neuen IG Klettern München & Südbayern e.V. präsentierte.
In dieser Umbau-Phase also, in diesem wilden Vierteljahr, als sich eine Handvoll No-Names in aller Konsequenz und Entschlossheit der visionären Herausforderung stellten, einer abgewrackten Knödelfabrik neues Leben einzuhauchen, in dieser Phase, so sagt der Tom heute, hat er sich „in der Halle den Arsch aufgerissen“: Den ersten Haken hat er gesetzt. Stieg dazu von oben, durch eine Luke, ins Silo-Dach ein. Baute dort den ersten Stand, hing das erste Fixseil ein. Und achterte als Allererster 30m durch ein stockfinsteres, graues, staubiges, noch total griffloses, nacktes Silo hinunter. Und das quasi in letzter Sekunde! Denn der Tom hatte zufällig erfahren, dass am nächsten Morgen, in der Büro-Etage über dem Silo, ein neuer Boden verlegt werden sollte: Der jene genialen Luken unbrauchbar machte, die von oben in die steilen Schächte reinführte, an deren Frontal-Wand bald schon die erste Route hochführen sollte. Ihr Name: Der Rote Baron!
Der Tom war damals Ende 20, als er während des Umbaus bis zur Erschöpfung auskosten konnte, was er schon seit langem ahnte. Nämlich: Dass es manchmal nichts Erfüllenderes gibt, als einen superschönen Haken zu schlagen.
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Man at Work: In „Summer of ´69“, beim Einbohren im Vorstieg
Oder nichts Kreativeres, als ein feines Loch zu bohren, um dort dann einen noch feineren Griff anzuschrauben. Oder einen schönen Tritt. Einen überraschenden Zug. Einen witzigen Mantle. Einen tollen Dynamo. Usw! Also irgendwas mit Hintersinn auszutüfteln, um genau diese eine Kletterbewegung an genau dieser einen Kletterstelle mit irgendetwas Besonderem zu adeln. Wie bei einer Melodie, bei der jeder Ton in sich stimmen muss, so muss für den Tom jeder Zug in sich rund sein, was ihn zu einem Qualitäts-Menschen macht: Zu einem Tüftler. Bastler. Schöngeist unter den Schraubern. Zum Macher einer der gelungendsten Indoor-Routen weit & breit: Dem „Gasthaus zur Dusche“ am Durchgang zum Klo.
Was dem Komponisten die Notenschrift ist, ist dem Tom also das Bohren: Mittel und Zweck, um besondere Routen einzurichten, die sich inzwischen mit etwa 90 Seillängen über das bayerischen Voralpenland verteilen. Los ging´s in Kochel, wo er 1987 im Sandsturmsektor seine erste Route „Henkel trocken“ (8-) einbohrte. Weiter ging´s an der Demmelspitze. Am Taubenstein. Und dann ganz viel im Karwendel: Mit den Routen „Murmelgruppe“, „Papa Groove“, „Um 8 Uhr geht die Schule los“ und „Summer of ´69“ bohrte er (mit der Unterstützung seiner Kletterpartner) hier allein an die 24 Seillängen ein – einige davon im 8er-Bereich!
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Der Schlager im Karwendel: Summer of ´69 (Mehr Infos zur Route ganz unten)
8. Schwierigkeitsgrad! Mit 41 Lenzen auf dem Buckel und dem täglichen Wahnsinn von Frau und zwei Söhnen am Bein kann der Tom dieses Niveau irgendwie halten – und das ohne beinhartes Training. Dafür mit einem Konsumverhalten, das in der eher ausufernden Geschichte der IG eigentlich niemals eine Überlebenschance hatte. Also: No smoke! No Saurausch! Alles in Maßen. Wohldosiert. Und fein bereitet. Genießerisch. Eben auf Qualität achtend: Beim Bohren wie beim Essen & Trinken, was wiederum nur derjenige kann, der irgendwie „naturstoned“ sein muss. Daher passt es auch ins Bild, dass der Tom zwar etliche Male auf der Teufelsbrücke stand, sogar 2x runtersprang – diese Form der hormonellen Selbstvergewaltigung aber eher als „puren Stress“ erlebte; und nicht – wie so viel andere – als den finalen Tempelgong: Den holt sich der Tom beim Klettern!
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Beim Kajakfahren (mit Flo Rupp)
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Zwischendurch auch mal am Schirm!
Mit 18 machte er seinen 1. Höhenflug von der Zugspitze runter. Danach folgten etwa 500 Gleitschirmflüge. (Dabei auch so kombinierte Sachen, wie mit nem Kumpel die Guffert-Südkante hoch und dann im Tandem-Flug wieder ins Tal). Plus 2 Abstürze beim Prototyp-Testen, was den Tom auch wieder auf den rechten Weg brachte, welcher ihn dann gleich mal zu den Drei Zinnen hinführte, wo er mit 21 die Comici (7) ging. Davor schon die Badile-Nordkante. Und ein gutes Dutzend mal in die Sächsische Schweiz, wo er mit seinem Kumpel Steffen das Elbsandsteingebirge aufs Intimste kennenlernte.
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Im Elbsandstein in flagranti erwischt: In der Direkten Knipelwand/8a
„Ich verspürte ein Kletter-Grundbedürfnis“, sagt der Tom heute, wenn er sich erinnert, wie es ihn mit 14 erstmals von Geretsried nach Bad Heilbrunn lockte. Und wie er ohne Wissen seiner Mutter die ca. 16 Kilometer (oneway) fortan unzählige Male mit dem Fahrradl hin- und herpendelte, so dass bald auch die Grundkondition stimmte, um erste größere Fahrten zu wagen.
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Der Tom, mit 15, bei der Grundbedürfnisbefriedigung in Bad Heilbrunn
Es folgten, mit 16, der 800m lange Steiner-Weg/5- durch die Südwand des Dachstein. Die Messner-Führe an der 9er-Platte. 8SL mit Trekkingschuhen in der Kasnapoff/5- am 2. Sella-Turm. Der Trenker-Riss am 1. Sella-Turm. Die Abramkante 5+ A0 am Piz Ciavazes. Die Alte Westwand am Bauernpredigtstuhl im Wilden Kaiser. Die SO Wand (Peters/Haringer) an der Schüsselkarspitze. Und schlußendlich dann das Meisterstück: Die berühmte Regular, am Half Dome, im Yosemite! Plus drei 5000er dazu.
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Tom (r) im Ruwenzori-Gebirge, Afrika, Margarita Peak (5.109m)
Das Fazit dieser frühen Jahre: „Wer den Vorstieg macht, ergibt sich aus der Seilschaft.“ Und: „Es geht nur ums Überleben“. Beim Klettern - wie im Alltag auch. Dort folgte auf eine Lehre zum Feinelektroniker das nachgeholte Abitur, dann der Zivildienst und schließlich das Studium der Sozialpädagogik (, bei dem ja man bekanntlich Praktika braucht.) Und im genau II. Semester also trug es sich zu, dass der Schlager Tom persönlich mal bei einem Kletterkumpel das WC aufsuchte und dort, in der Hockstellung, im Magazin „Klettern“ einen Artikel über „Klettern mit Blinden“ entdeckte. Flash! In diesem Moment stellten sich Weichen. Denn mit Blinden klettern war natürlich das ideale Soz.-Päd-Praktikum. Und lieferte gleich auch das Thema für die Facharbeit mit. So lernte der Tom die Andrea und den Richie kennen, das Ebert´sche-Geschwisterpaar, das dank bester Wolfgang Nöth-Kontakte nicht nur einen Mietvertrag für den brachliegenden, silbernen Pfanni-Knödel-Quader an Land ziehen konnte; sondern auch als das Gründer-Paar der „IG Klettern München & Südbayern e.V.“ in den Annalen steht. Kurz & gut: Tom kam, sah und sagte, dass er nur zu gerne in das „Bau-Gremium“ mit einsteigen würde, in dem sich alle damaligen Vorstände, offiziellen Mitglieder und inoffiziellen Mitarbeiter zu einer verschworenen Truppe vereinten, maximal 10 Mann hoch, mit einem Wortführer am Bau: dem Richie Ebert in persona.
Aus sehr vielen verschiedenen Gründen kollidierte der Richie aber in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren nicht nur permanent und immer heftiger mit Gott, dem DAV und der Welt überhaupt, sondern in zunehmend hässlicher Weise auch mit dem Tom, was auf ein Ereignis zuführte, das der Tom heute „das Zerwürfnis“ nennt. Das war im Jahre ´99. Bis dahin hatte sich schon vieles getan. So schreibt sich der Tom beispielsweise in sein persönliches Hallen-Highlights-Buch die Leitung der ersten betreuten Kindergruppe rein. Die erste betreute Behindertengruppe. Die Leitung der ersten offiziellen IG-Kletterausfahrten, u.a. nach Arco, Bleau, und Cinque Torre.
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Cinque Torre: Tom mit C1 (welcher die Hosen ganz schön prallvoll hatte!!)
Sowie die Durchführung des ersten, unter dem nagelneuen Vereins-Logo öffentlich ausgeschriebenen Kletterkurs´, in dem sich gleich so unverbesserliche Dampfnasen einfanden, wie Tom´s spätere Frau Gabi sowie der Autor dieser Zeilen. Ja – und am Namen „Heavens Gate“ ist der Tom irgendwie auch beteiligt. Was ihm aber nichts bedeutet. Viel wertvoller ist ihm da dieses Leuchten in den Augen, wenn jemand aus einer seiner Routen raussteigt – und einfach nur „geil!“ sagt, dann ist der Tom froh. Und hätte garantiert nichts dagegen, mit diesem Menschen 1 Gläschen gepflegten Roten zu trinken. Gerne auch 2. Maximal 2,5. Den Kater am morgen läßt er lieber dir...



Copyright Bilder: Tom Schlager
Text: C1




Statt eines Nachworts: „Summer of 69“
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne

So geht´s zum Schlager im Karwendel
Anfahrt:
Nach Bad Tölz, weiter nach Hinterriss zur Eng (Mautstraße)Parkplatz ist direkt unter der Wand bei der Forststraße Laliderer Tal. Zu Fuß die Forststraße weiterfolgen bis links eine Schuttreißen auftaucht. Diese hinauf und kurz vor dem Ende links hoch. Immer steil gerade durch den lichten Wald hoch. Etwas rechts haltend bis ein Latschengürtel einen von der Wand trennt. Rechts in das steinige Bachbett und hoch bis zum Wandfuß. Links vom Einstieg befindet sich ein schöner Lagerplatz. Ca. 35- 40 Min.
Erschließung:
Von unten erstbegangen. 1.RP am 14. September 99. Mit dabei waren: Tom Schlager, Gabi S., Roland H., Hans N, Wanja R., Bine F., Christian S.
Schwierigkeit:
7-/7 ; obl. 6+ Alle Zwischensicherungen und Standhaken sind gebohrt. Lange Sanduhrschlinge für 1 Seillänge. 50m Doppelseil notwendig.
Kletterlänge:
260m, 6 SL
Einstieg:
Der Einstieg befindet sich ganz rechts an der Wand, links neben der Kante, die die Wand zu einer Rinne trennt. Abstieg: Abstieg durch Abseilen. Es kann über die Route abgeseilt werden oder über die neu eingerichtete Abseilpiste. Am Stand der 5. SL 30m gerade runter in eine kleine Nische. Dann 50m in überhängender Freifahrt und weitere 2 x 50m zum Lagerplatz.
Charakter:
Nordwand, nach Regen relativ schnell wieder begehbar. Interessante Wand- und Plattenkletterei, die mit kleinen Überhängen durchzogen ist. Durchwegs fester kompakter Fels. Für Karwendel sehr gut!
17.11.2010 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. Stand: 17.11.2010