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Die Eroberung des Unnützen

Christian Rödling - Vorstand der IG Klettern München & Südbayern e.V.
C1 Kolumne
Ausgabe 03/2013 vom 19.09.2013

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How to become a real Zipfigsicht



„Fanfarenstoß. Tusch. Täterätääääää“: Hier kommt Kolumne 77! Schnapszahl also und das richtige Stichwort, um mal wieder an unsere wilden Feste zu denken. Und dabei der Frage nachzugehen, warum die meisten Leute eigentlich „wirklich“ zu uns in die Halle kommen? Als Antwort wird hiermit die Vermutung geboten, dass es Vielen nicht primär ums Klettern geht. Und ums Bouldern demnach auch nicht. Sondern vielmehr um die Chance, hier, bei uns, im Knödelbunker, einen höchst individuellen Teil ihrer Persönlichkeit zeigen zu dürfen. In früheren Tagen nannten wir dieses ureigene Merkmal kurz & bündig „’S Zipfigsicht“.

Einmal ZG. Immer ZG.*
Zipfigsicht muss man dreisilbig aussprechen: „Ziiiiii-pfiiii-gsicht“ also, mit einem leicht bayerischen Grundton am besten – und ein jeder weiss Bescheid. Zum Beispiel: „Du Zipfig´sicht, du“, mit diesem weichen „du“ als Appendix, kann, natürlich immer kontextbezogen, alles Mögliche ausdrücken: Totales Unverständnis etwa.
Oder absolute Hochachtung, z.B. weil der/die so Bezeichnete gerade 1x ohne Fehl und Tadel, also ohne den Boden auch nur kurz hauchdünn zu touchieren, nachts um 2, umringt von ca. 10-20, vom Hopfen schon schwer gezeichneten Gestalten, einen extra hierfür bereitgestellten Tisch 1x rundherum umkletterte: Bei diesen wilden Festen damals fehlte dieses Spielchen nie.

Vor dem Fest ist nach dem Fest.*
Tischbouldern. Hört sich lässig an das ganze. Und überhaupt: Wer schafft das nicht?! 1x um nen Biertisch klettern ist doch wirklich Pipifax. Der Länge nach oder auf dem kürzesten Weg? Entscheidest Du selber. Ist aber egal, weil unterm Strich letztlich gleich schwer. Denn: Die zwei Schlüsselzüge sind ja die gleichen. Der erste dieser Moves verlangt, von der Tischplatte um die Tischkante rum irgendwie(!) in eine extrem kräftezehrenden Hängestellung zu finden: Der Rücken Richtung Boden weisend, Arme und Beine wie ein „X“ um die Kanten verhakt, der Kopf dabei meist übelst verdreht, eine Wange plan gegen die Tischplatte gepresst, insgesamt also eine in der Regel schwer unterschätzte, masochistische Passage, die einem ALLES abverlangte...

Beim Tischbouldern stengstens verboten: Künstliche Hilfsmittel!
... in diesen quälenden Momenten, die von den Umstehenden natürlich fachkundig bejohlt wurden, hatte der arme Tropf (m/w) da unten nun eine weitreichende Entscheidung zu treffen: „Mag ich’s jetzt wissen“oder „Lass ich es sein“? Erschwerend kam dazu der Umstand, dass Kletterer naturgemäß schon mal gar nicht gern loslassen. Nicht mal unter Einfluss von Hopfen & Co. Mit anderen Worten: Es wurde plötzlich zu einer Frage der Ehre, jetzt nicht sofort aufzugeben, sondern nun möglichst zügig und mit allem gebotenen Elan aus dieser extrem kraftaufwändigen und damit ohnehin nur eine begrenzte Zeit haltbaren „Faultier-Position “ in die zweite Schlüsselstellung umzugreifen, nämlich in den Ausstiegszug: Eine presswurschtartige Rotation der Körpermasse über die Kante auf den Tisch wieder rauf! Heißt: Jede(r), die/der diese finale Herausforderungauch noch lösen wollte, musste sich nun IR-GEND-WIE, verdammt, unter Aufbietung all seiner Ur-Reflexe, mit einem Foothook voran, über die Erdanziehungskraft erheben, um seinen (bayerisch gesagt) „Arsch“ da auf den Tisch nun raufzuwuchten.


Ob Tisch oder Brücke – völlig egal! Der Popo muss rauf: Irgendwie.
Von diesem Moment an war es völlig egal, ob jemanden auf diesen letzten Zentimetern noch die Kräfte verliessen und er/sie wie ein Sack Kartoffeln schwer ins Kiesbett runterkrachte; ob eine Hosennaht 80cm weit aufriss; oder ob jemand schwitzend und keuchend und völlig am Ende ziemlich halbtot auf dem Tisch oben ankam. (Wie schon gesagt: Das war alles nicht mehr wichtig. Wirklich wichtig war vielmehr, dass da jemand nicht gleich aufgeben wollte – und dann kurz mal richtig Gas gab, um, naja, ein letztlich doch völlig sinnloses Ziel zu erreichen. Weil es halt um den Weg dorthin geht. Um das Sein im Hier & Jetzt.)

Kein Tisch weit & breit. Aber trotzdem unterwegs. IG-Stoßtrupp kämpft sich durch das Hier & Jetzt.
Jedenfalls kam es gar nicht mal so selten vor, dass dir dann irgendjemand seine Pranke kurz auf die Schulter legte und irgendwas stammelte, das klang wie „jamichleckstamoarschduzipfigsichtdu“. Und es hat sich wunderbar angefühlt, dass man nicht der Beste, Schönste oder Schnellste sein musste, um in diesem seltsamen Laden wahrgenommen zu werden. (Noch dazu um diese Uhrzeit!) Es reichte eigentlich immer schon völlig, Freude am Leben zu haben. Und dieser Freude (s)ein Gesicht zu geben.

Mit einem Wort: LoL.

Euer C1


*Alle Bilder: IG-Chronik-Archiv. Copyright unbekannt.
19.09.2013 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. und Heavens Gate GmbH. Stand: 19.09.2013
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