C1 Kolumne
Ausgabe 05/2011
vom 07.08.2011
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Johannes und die Bergpredigt
Oder: So schallt´s von der Höh´
„Sich Trennen? Oder miteinander weiter? Zusammen noch mal neu anfangen? Oder doch wieder jede(r) für sich? Das sind große Entscheidungen! Nicht nur im
Beziehungsleben, sondern auch beim Bergsteigen. Denn: Und – wer wüsste das nicht besser als wir: Es gibt da so ein paar Dinge im Leben, die gehen nicht
mit jedem. Und Klettern zählt da voll dazu! Und trotzdem: Selbst Kletterpartnerschaften halten nicht ewig. Selbst Leute, die grooooße Touren zusammen gemacht
haben, Steinschlag, Notbiwaks, schlimme Verhauer und tiefste Glücksräusche gemeinsam durchlebt haben, selbst solche goldenen Nordwandgsichter können derart
den Privat-Karren in die Scheiße reinfahren, dass ihr Herz-Seil dabei reißt.
Kann selbst besten Freunden passieren
„Dieses ganze Getue um die Bergkameradschaft ist eine elende Lüge“, hat Reinhold Messner schon immer gesagt. Und das scheint nicht ganz falsch zu sein.
Jedenfalls hört und liest man in vielen Berichten, dass die Expeditions-Teilnehmer „als getrennte Leute“ wiederkehrten.
Wie kann sowas nur geschehen, dass Menschen, die einst „dasselbe“ beseelt und vereint hat – wie die Liebe. Oder Berge –, dass sich solche Paare trennen?
Wieder verschiedene Wege gehen...
In den meisten Fällen ist das der Grund (irgendwie): das Vertrauensverhältnis wurde zerstört. Sehr oft unbeabsichtigt. Aus Versehen.
Wie auch immer: „Verletzungen“, die das Ur-Vertrauen erschüttern, sind nur sehr schwer reparabel.
Freundschaft, Endstation
Vertrauen ist die Basis von allem. Im Anfang ist Vertrauen, könnte man sagen. Ist das Netz des Vertrauens einmal zerrissen, wird das Immunsystem der
Beziehung durchlässig. Wie unsere Atmosphäre durch das Ozonloch! Die Folge: Jede Abart von Angst und/oder Zweifel kann so durch den Gedanken-Spam-Filter
bis in unsere cerebrale Festplatte vordringen - und sich von dort als Gedanken-Herpes weiter bis in unsere Gefühlswelt ausbreiten.
Und schon ist alles Glück dahin! Wegen einer Verletzung. Irgendwo. Irgendwie. Was wiederum einen derartigen Schmerz ausstrahlt, dass die Gedanken vernebeln.
Und alle Sinne sich anfühlen wie taub.
Ein Zustand, den wohl jeder kennt. Ein unwürdiger Zustand. Ein Zustand, der eine Entscheidung verlangt. Ein Zustand, der geklärt werden will.
Ein Zustand, der geklärt werden muss! Auf den reagiert werden muss! Bloß wie? Eigentlich bleiben uns fast nur zwei Möglichkeiten: Schweigen.
Oder reden. Den andern „ausblenden“. Oder versuchen, mit ihm zu sprechen, um das Warum evtl. zu verstehen.
Reden oder Schweigen also. Eine große Entscheidung. Eine weitreichende Entscheidung. Eine Entscheidung wie im Alten Rom.
Rummmms, die Geige! Und nun der Daumen.
Wenn seinerzeit im Alten Rom mal jemand nicht so recht wusste, wie nun zu entscheiden war, konnte sich der z.B. in eine Bibliothek tragen
lassen – und dort im noch relativ „jungen“ Werk eines gewissen Johannes nachschlagen, der in seiner Mission als Apostel gerade eines der
ganz großen Meisterwerke zu Papyrus gebracht hatte. Sein „Evangelium“. Und das beginnt so:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort."
Jaja, so steht es geschrieben!
Ein gewaltiger Satz! Was will er uns sagen? Und vor allem, was hat das mit der Halle zu tun? Mit dem Verein? Mit uns Zipfigesichtern? Mit Entscheidungen? Und mit Bergkameradschaft?
Formulieren wir´s mal so – auch um mal auf ´nen Punkt zu kommen:
Schweigen ist nicht die Lösung. Es gibt nur eine Hoffnung auf Versöhnung – und die setzt Kommunikation zwingend voraus. Verbale. Schweigen ist hier
selten Gold! Denn: Wenn im Anfang schon das Wort ist. Dann gilt das für einen Neu-Anfang erst recht. Und für das Ende genauso! Aber: um überhaupt
kommunizieren zu können, muss man den andern verstehen. Man muss die gleiche Sprache sprechen. Man muss wenigstens annähernd in der gleichen Frequenz
senden und empfangen können. Man muss mit dem andern sprechen wollen, um sich dem andern mit-zu-teilen!
Der Schlüssel zu Allem!
Sich mit-teilen ist das Schlüssel-Wort. Aber: Will, ja kann ich das überhaupt? Eine große Entscheidung ist das, die da meist dem „Opfer“ abverlangt wird:
Das Schweigen brechen und sich in seinem Schmerz und seiner ganzen Schwäche zeigen = „mit-teilen“, was mich so verletzt hat. Oder enttäuscht. Oder überfordert.
Ich muss es benennen. Wir müssen es sagen. Denn: Im Wort liegt die Hoffnung. Zum Beispiel darauf, dass das Herz-Seil „nur“ einreißt. Aber halt hält. Irgendwie. Amen.“ Over.
Es predigte
vom Fuß der Kampenwand,
Euer C1
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