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C1-Kolumne

Christian Rödling - Vorstand der IG Klettern München & Südbayern e.V.
C1 Kolumne
Ausgabe 03/2011 vom 04.05.2011

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Times – they are a-changing

Oder: Der Opa auf dem Billardtisch
Nein, nein. Wirklich! „Früher“ war nicht Alles besser. Früher war nur Vieles anders! Beispielsweise die Musik: Die wurd´ noch vor noch gar nicht allzu langer Zeit – die Alten können es bezeugen – in so schwarzgerillten Riesenoblaten konserviert; und man brauchte eine Nadel, um die Töne rauszukratzen: Yeah, yeah, yeah. So war das damals halt...
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Und das Klettern?
Das war früher auch nicht besser. Nur: Der Zeit-Geist war ein anderer. Während man heutzutage mehr zum hedonistischen Impuls-Klettern neigt – sprich: heute hier & morgen da – , ging man früher halt ins Heavens Gate, weil man da zuhause war. Wie in einer WG. Die Halle war Wohn- und Spiel- und Ess – und manchmal auch das Schlafzimmer. Und wer dort seine Heimat hatte, der kam gar nie nicht auf diese absurde Idee, zum Fremdklettern zu gehen. Wozu auch? Man/frau war doch schon am schönsten Fleck: Im Paradies. Am Ostbahnhof! Eine alle WG-Mitglieder durchdringende Gewissheit, die eine manchmal geradezu gänsehautgeile Atmosphäre erzeugte, aus der wiederum jener „Spirit“ erwuchs, der das Heavens Gate weit über München hinaus zu einem Ort von magischer Kraft und Anziehung machte.
Wie das Klettern überhaupt. Zum Breiten- oder Massensport ist es inzwischen aufgestiegen. Oder verkommen. Wie auch immer. Klettern ist trendy. Climbing ist in. Mit der konsequenten Folge, dass plötzlich überall die ultimativen Kletterhallen wie die Schwammerln ausm Boden rausschießen. Und um die Gunst des Kunden buhlen. Auf dass er HEUT sein GELD HIER ausgibt. Und nur ja nicht nebenan. Denn Wettbewerb ist plötzlich entstanden. Fixkosten müssen gedeckt, Kredite zurückgezahlt werden: Dieser ganze Kröten-Scheiß!
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Kleines Trostpflaster: Alle Versuche das Heavens Gate nachzubauen, waren zum Scheitern verurteilt.
Allgemeines Zwischenfazit: Besonderes, Schönes und/oder Magisches vergeht, wenn die Masse Blut geleckt hat. Dann offenbart sich die Fratze des Kapitalismus in einer Art Selbstzerstörungs-Prinzip, das immer dann zu beobachten ist, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. Beispiel: Ko Samui, die paradiesische Ferien-Insel im Golf von Thailand
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Paradies, Ende 1. Jahrtausend n.Chr.
„Früher“, im Jahr 1979 beispielsweise, fuhren einen noch die Fischer gegen ein bisschen Fakelaki auf die 35 Kilometer entfernte Insel hinüber. Dort wohnte man dann in einfachsten Bretterbuden, ohne Strom, ohne Dusche, dafür mit einem Elephant Bath = Wassertonne mit Kokosnuss als Schöpfkelle. Und in der Nähe deiner Hütte war immer auch ein Restaurant, mit der Mama hinterm Kochtopf. Und der Oma mittendrin. Auf der handgeschriebenen Speisekarte entdeckte man noch so inseltypische Spezialitäten wie „Spacecakes“. Oder „Magic Mushroom-Omeletts“. Auf jedem(!) der wackligen Tische stand eine Petroleumlampe oder Kerze – und beleuchtete ein Glas voller „Thai-Sticks“. Und wenn nachts dann alle ihr schweres Haupt unter ein Moskitonetz legten, bereitete sich endlich auch der Opa sein Lager: Mitten auf dem Billard-Tisch! Kein Wunder, dass so ein Geheim-Tipp nicht geheim bleiben konnte.
Heute, gute 30 Jahre später, geht es den Einheimischen um Welt-Klassen besser. Jeder hat ein Auto im Vorgarten stehen. Mindestens ´ne 500er daneben. Flatscreen. Air-Condition. Solaranlage. Bedienstete. Internet. Shuttle-Service bis vor die Haustür. 365 Tage im Jahr kommen jetzt Menschen und gehen auch wieder – und lassen viele Scheine da. Aber nicht einen Tropfen ihres Herzbluts...
Kletterhalle Heavens Gate - C1-Kolumne
Paradies, Anfang 2. Jahrtausend n.Chr.
Ja – so ist der Lauf der Dinge. Mit der ganz besonderen Note, dass die meisten Urlauber, die heute in Ko Samui, in der Mitte der Insel, aus dem neuen Großflughafen raustreten, das schöne Wasser und die Palmen immer noch wie das Paradies wahrnehmen. Nur anders. Weil sie halt auch „das Früher“ nicht kennen. Weil sie deswegen nicht vergleichen können. Vor allem aber: Weil es natürlich auch diesen Billardtisch längst nicht mehr gibt*, auf den sich der alte Fischer nachts immer hingelegt hat, um sich im Rhythmus der Wellen vom Mond streicheln zu lassen.

Euer C1

* Dafür kann man da jetzt skypen.

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04.05.2011 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. und Heavens Gate GmbH. Stand: 04.05.2011