C1 Kolumne
Ausgabe 03/2011
vom 04.05.2011
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Times – they are a-changing
Oder: Der Opa auf dem Billardtisch
Nein, nein. Wirklich! „Früher“ war nicht Alles besser. Früher war nur
Vieles anders! Beispielsweise die Musik: Die wurd´ noch vor noch gar
nicht allzu langer Zeit – die Alten können es bezeugen – in so schwarzgerillten
Riesenoblaten konserviert; und man brauchte eine Nadel, um die Töne rauszukratzen:
Yeah, yeah, yeah. So war das damals halt...
Und das Klettern?
Das war früher auch nicht besser. Nur: Der Zeit-Geist war ein anderer. Während man
heutzutage mehr zum hedonistischen Impuls-Klettern neigt – sprich: heute hier & morgen
da – , ging man früher halt ins Heavens Gate, weil man da zuhause war. Wie in einer WG.
Die Halle war Wohn- und Spiel- und Ess – und manchmal auch das Schlafzimmer. Und wer dort
seine Heimat hatte, der kam gar nie nicht auf diese absurde Idee, zum Fremdklettern zu gehen.
Wozu auch? Man/frau war doch schon am schönsten Fleck: Im Paradies. Am Ostbahnhof! Eine alle
WG-Mitglieder durchdringende Gewissheit, die eine manchmal geradezu gänsehautgeile Atmosphäre
erzeugte, aus der wiederum jener „Spirit“ erwuchs, der das Heavens Gate weit über München hinaus
zu einem Ort von magischer Kraft und Anziehung machte.
Wie das Klettern überhaupt. Zum Breiten- oder Massensport ist es inzwischen aufgestiegen. Oder verkommen.
Wie auch immer. Klettern ist trendy. Climbing ist in. Mit der konsequenten Folge, dass plötzlich überall
die ultimativen Kletterhallen wie die Schwammerln ausm Boden rausschießen. Und um die Gunst des Kunden buhlen.
Auf dass er HEUT sein GELD HIER ausgibt. Und nur ja nicht nebenan. Denn Wettbewerb ist plötzlich entstanden.
Fixkosten müssen gedeckt, Kredite zurückgezahlt werden: Dieser ganze Kröten-Scheiß!
Kleines Trostpflaster: Alle Versuche das Heavens Gate nachzubauen,
waren zum Scheitern verurteilt.
Allgemeines Zwischenfazit: Besonderes, Schönes und/oder Magisches vergeht, wenn die Masse Blut geleckt hat.
Dann offenbart sich die Fratze des Kapitalismus in einer Art Selbstzerstörungs-Prinzip, das immer dann zu
beobachten ist, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. Beispiel: Ko Samui, die paradiesische Ferien-Insel
im Golf von Thailand
Paradies, Ende 1. Jahrtausend n.Chr.
„Früher“, im Jahr 1979 beispielsweise, fuhren einen noch die Fischer gegen ein bisschen Fakelaki auf die 35 Kilometer
entfernte Insel hinüber. Dort wohnte man dann in einfachsten Bretterbuden, ohne Strom, ohne Dusche, dafür mit einem
Elephant Bath = Wassertonne mit Kokosnuss als Schöpfkelle. Und in der Nähe deiner Hütte war immer auch ein Restaurant,
mit der Mama hinterm Kochtopf. Und der Oma mittendrin. Auf der handgeschriebenen Speisekarte entdeckte man noch so
inseltypische Spezialitäten wie „Spacecakes“. Oder „Magic Mushroom-Omeletts“. Auf jedem(!) der wackligen Tische stand
eine Petroleumlampe oder Kerze – und beleuchtete ein Glas voller „Thai-Sticks“. Und wenn nachts dann alle ihr schweres
Haupt unter ein Moskitonetz legten, bereitete sich endlich auch der Opa sein Lager: Mitten auf dem Billard-Tisch!
Kein Wunder, dass so ein Geheim-Tipp nicht geheim bleiben konnte.
Heute, gute 30 Jahre später, geht es den Einheimischen um Welt-Klassen besser. Jeder hat ein Auto im Vorgarten stehen.
Mindestens ´ne 500er daneben. Flatscreen. Air-Condition. Solaranlage. Bedienstete. Internet. Shuttle-Service bis vor die
Haustür. 365 Tage im Jahr kommen jetzt Menschen und gehen auch wieder – und lassen viele Scheine da. Aber nicht einen
Tropfen ihres Herzbluts...
Paradies, Anfang 2. Jahrtausend n.Chr.
Ja – so ist der Lauf der Dinge. Mit der ganz besonderen Note, dass die meisten Urlauber, die heute in Ko Samui, in der
Mitte der Insel, aus dem neuen Großflughafen raustreten, das schöne Wasser und die Palmen immer
noch wie das Paradies wahrnehmen. Nur anders. Weil sie halt auch „das Früher“ nicht kennen. Weil
sie deswegen nicht vergleichen können. Vor allem aber: Weil es natürlich auch diesen Billardtisch
längst nicht mehr gibt*, auf den sich der alte Fischer nachts immer hingelegt hat, um sich im Rhythmus der
Wellen vom Mond streicheln zu lassen.
Euer C1
* Dafür kann man da jetzt skypen.
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