Die Ulli
Oder: Nichts ist unmöglich
D
ass die Ulli Dietrich (14.05.1963) „schon ziemlich früh“ mit den Bergen in Berührung kam, war ja
eigentlich unausweichlich: Zum einen wegen der aktiven Eltern, die sie und ihre 2 jüngeren Schwestern
oft und gerne zum Wandern mitnahmen.
Zum anderen hatte sie den „berühmten“ Bernd Melzer als Onkel, der mit Pit Schubert, Manfred Sturm,
Wiggerl Gramminger und Dieter Hasse zu den Mitbegründern des „DAV-Sicherheitskreises“ zählte. Bernd Melzer
starb 1970 in einer Lawine, bei einem Erstbesteigungsversuch des Malubiting (7.458m), im Karakorum – damals
war die Ulli 7 – und man ahnt, dass die große, weite Welt der Berge zuhause oft Gesprächsthema war. Selbst
wenn nur ihr Großvater von seinen Abenteuern erzählte, der immerhin mit 82 Jahren noch auf die Alpspitze stieg.
Die Ulli - mit Benni - am Ortler
Über Pasing und Perlach fand die Ulli nach Haidhausen, wo sie seit ihrem 17. Lebensjahr wohnt. Sie ging auf
die FOS, machte das Abi und begann mit einer Ausbildung als Krankenpflegerin, in der Psychiatrie, in Haar.
Schon damals war ihr musikalisches Talent „unüberhörbar“: Die Ulli spielte Gitarre, Akkordeon, Hackbrett
und Flöte, was es ihr sicherlich erleichterte, mit 17 den Zugang zu einer Clique zu finden, die ihr Headquarter
in Garmisch hatte – und von dort aus alles „niederriss“, was der Wetterstein und das Karwendel an Rucksack-, Ski-
und Klettertouren eben so zu bieten hatten.
Schon mit 17 fast jedes Wochenende „unter der Haube“
Vor der Uni bereiste sie erst mal ein halbes Jahr die USA. Sammelte Ruhe und Kraft, die sie dann auch gebrauchen
konnte. Denn während ihres Sozpäd-Studiums (Schwerpunkt: Erlebnis- und Erwachsenenpädagogik) ging dann alles Schlag auf Schlag:
1989: Geburt des ersten Sohnes Flo
1993: Geburt der Zwillinge Nicola; und Joanna, die mit einem Gen-Defekt zur
Welt kam (Rett-Syndrom), was Ulli´s Leben eine völlig neue Richtung gab.
2000: Geburt von Sohn Konstantin. Irgendwann in diesem Jahr entstand auch
die Idee, das Pädagogik-Wissen mit einer Zusatz-Ausbildung zur Fachübungsleiterin zu spezialisieren. Doch der DAV lehnt sie als FÜL-Aspirantin ab...
...und so fand sie im September 2002 zum ersten Mal ins Heavens Gate, wo sie mit so illustren Gestalten wie der Bekka, dem Patrick,
der blinden Judith, dem Nikolaus und dem Andy Feile die Abschlussprüfung zum IG-Trainer erfolgreich bestand. Um bald darauf schon
festzustellen, dass ihr das „Konsum-Kurseln“ eigentlich gar keinen rechten Spass bereitete. Viel lieber wollte sie die Schwachen
und Gehandicapten unter ihre Fittiche nehmen, sich für die Benachteiligten engagieren! So nahmen die Dinge ihren Lauf:
Bald schon konnte die Ulli einige Lehrer und den Geschäftsführer der Friedel Eder-Schule gewinnen, ihr doch mal
probehalber einen Kletterkurs mit Behinderten anzuvertrauen. Diesem sehr gelungenen Experiment folgten weitere
„solche Experimente“, die die Ulli (mit bis zu 12 behinderten Kindern!!) bald auch „in die Welt“ rausführten:
In ihrem Abenteuer-Tourenbuch jedenfalls steht schon 2x das Tessin drin, Garmisch, Meran und natürlich immer wieder
Arco am Gardasee, wo die Ulli Selbstversorger-Zelte aufschlug, die Truppe dann gemeinsam einkaufte, kochte, kletterte
und campte – und die Kinder dank der Ulli unvergessliche Tage verbrachten. Die Folge: Seit 3 Jahren arbeitet sie auch
mit der Nachbarschule zusammen, für die sie 1x pro Woche eine integrative Klettergruppe betreut.
Unvergesslichen Tagen gehen meist unvergessliche Nächte voraus
Wie sich jeder unschwer vorstellen kann, erfordern Ausflüge mit Behinderten neben viiiiiiel Geduld und noch mehr Muse
vor allem ein bedürfnisgerechtes Fahrzeug, sonst geht halt eben auch nix vorwärts. Mit diesem guten
Argument trat die Ulli an alle möglichen Stiftungen ran, um finanzielle Unterstützung für einen Bus
zu erbitten. Und was zunächst wie ein völlig hoffnungsloses Unterfangen erschien, endete dann fast
schon wie im Märchen: Dank großzügiger Spenden – u.a. von Antenne Bayern, der Beckenbauer-Stiftung
und der Aktion Sternstunden – konnte die Ulli nicht nur einen, sondern unglaubliche ZWEI (!!!) Busse
organisieren: Einen für ihre privaten, behindertengerechten Ausfahrten. Und gleich noch einen für die
IG Klettern dazu, jene goldgelbe Riesenkutsche nämlich, die stolz vor der Halle auf Einsätze wartet.
Und in der Halle? Sieht man die Ulli fast jeden Tag ihre besonderen Kinder betreuen. Daneben bastelt
sie an einem Sozialkonzept für Schwerbehinderte. Kämpft mit der Stadt um Unterstützung für eine mobile
Therapiewand. Versorgt allein ihre 5köpfige Familie. Geht mit der blinden Judith abends noch klettern.
Und ist fast jedes Wochenende unterwegs. Nach wie vor gern Richtung Garmisch, wo halt ihre Hausberge sind:
Das Karwendel. Und der Wetterstein eben, den sie in- und auswendig kennt; mit der Zugspitze, die sie so
gerne auch im Winter mal (übers Höllental natürlich) besteigen möchte; und dann steht da ja auch noch eine
Wiederholung der extrem steilen Ski-Abfahrt „Neue Welt“ auf dem Programm, die sie zum ersten Mal mit 17 machte.
Die Ulli: Mit wahrlich allen Wassern gewaschen!
Und weil das alles die Ulli noch längst nicht erschöpft, engagiert sie sich zudem in der Flüchtlingsarbeit.
Und wirkt bis heute als Mitbegründerin von vier verschiedenen Eltern/Kind-Initiativen mit!
Dies alles blieb nicht unbeachtet: Und die Ulli wurde im Jahr 2009 für ihre vorbildliche Integrationsarbeit von der Stadt München ausgezeichnet.
Langweilig wird´s der Ulli also eher nicht. Denn da ist ja auch noch Hündin „Manni“, die bei Wind & Wetter ihren Auslauf verlangt.
Wie es der Ulli dabei auch noch gelingt, permanent guter Laune zu sein, entzieht sich leider der Kenntnis des Autors, versetzt ihre
Freunde und Bekannten aber dauerhaft in Staunen und Bewunderung.
Copyright Bilder: Ulli Dietrich
Text: C1