C1 Kolumne
Ausgabe 01/2011
vom 10.01.2011
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Endstation Sehnsucht?
Von
äußeren Zeichen. Und inneren Stimmen.
Genau
11 Jahre ist es nun her, da trug sich hoch oben am Kilimanjaro
(5.895m) folgendes Ereignis zu:
Wir
waren zu viert damals – 1 Guide, 1 Träger, die Andrea und ich –
und wollten gegen Mitternacht über den steilen Vulkankegel zum
Gipfel aufbrechen. Die Andrea und ich: Wir waren einfach nur zwei
Bergverrückte, die im Übermut beschlossen hatten, doch mal nach
Afrika zu fahren, um den Kibo zu versuchen. Gesagt, getan – und da
lagerten wir nun, am sogenannten „Arrow Glacier“, nur noch ein
paar Hundert Meter vom Gipfel entfernt, als mir die Andrea plötzlich
ihre Armbanduhr hinhielt: „Schau mal: Stehengeblieben!? Einfach
so...“
(Na
und? Tagtäglich bleiben Uhren stehen. Ist doch nix besonderes.
Obwohl: Am selben Morgen dieses Tages war schon ihr Geldbeutel
verschwunden. Geklaut? Verloren? Vergessen? Wer weiss?)
Das Camp am Arrow Glacier. Noch 1x schlafen bis zum Gipfel.
Endlich
gab es Abendessen. Anschließend gingen wir zum Zelt, um uns noch mal
auszuruhen: „Da! SCHAU??!!“
Wie
angewurzelt blieben wir stehen. Auf unserem Zelt saß ein riesiger
Vogel! Ein großes, schwarzes Riesenviech! Seelenruhig saß er dort
droben und wartete auf irgendwas. Selbst unser Guide war ziemlich
sprachlos. Diese schwarzen Riesenvögel, erklärte er, die haben hier
oben nix verloren. Die kennt er nur vom Flachland unten. Hier oben,
auf über 5.000m, gibt´s auch gar kein Futter für die. „Crazy,
crazy“ sagte der Träger...
Hatte das was zu bedeuten?
Gegen
Mitternacht dann standen wir auf, machten uns für’n Gipfel fertig.
Allein hätten wir niemals den Steig gefunden, der sich durch die
Lavabrocken steil zum Kraterrand hoch zog. Senkrecht über uns sahen
wir ein Dutzend Stirnlampen wie Glühwürmchen tanzen. Sie gehörten
zu jener anderen Gruppe, die eine halbe Stunde vor uns aufgebrochen
war. „Pole! Pole!“ Langsam, langsam ging´s dahin. Wie in Trance.
In Zeitlupe. Schritt für Schritt den Krater rauf.
Urplötzlich
kam von da oben ein noch fernes Gepolter! Das sich aber sehr schnell
in ein immer lauter werdendes, schrecklich rasendes Donnern
verwandelte, wie wenn ein Damm gebrochen wäre – und sich etwas
Tonnenschweres nun mit der außer Kontrolle geratenen Wucht eines
Dampfhammers in die finstre Nacht ergießt. Oh Gott!!!!!!!!!!
Schnell. Bitte. Tu irgendwas! Nur was? Kein Felsblock, kein Baum,
kein winziger Hügel, hinter den du dich hättest hinwerfen können.
Also warf ich mich einfach flach auf den Boden und legte die Arme
über den Kopf...
Dann
war wieder Totenstille. Als ob nichts gewesen wäre. Kein Steinchen
hatte mich gestreift. Keine Berührung! Nichts. Ich schaute nach den
anderen: Den Guide hatte ein Stein in den Rücken getroffen. Nur die
Tatsache, dass er einen Rucksack trug, rettete ihm vermutlich das
Leben. Der Träger? Röchelte erbärmlich! Sein Anorak war
blutgetränkt. Aber es schien nur eine Fleischwunde zu sein. So
standen wir da, in tiefster Nacht, allesamt sprach- und
fassungslos... und versuchten zu begreifen, dass da noch jemand
zwischen uns lag... jemand, der nie wieder aufstehen würde.
06. Januar 2000
10
Jahre später bekam ich nun die Einladung, an einem
Besteigungsversuch des Chimborazo teilzunehmen, des mit 6.310m
höchsten Bergs von Ecuador. Was für eine große Ehre! Doch kaum
hatte ich zugesagt, geschah etwas ganz Merkwürdiges. Eine innere
Stimme wurde mit jedem Tag lauter und riet mir, die Reise abzusagen.
Nicht mitzugehen. Daheim zu bleiben! Ein Rat, den ich nur zu gut
kannte, gehen doch allen größeren Fahrten immer auch Angstgefühle
voraus. Doch die Stimme ließ nicht locker, bis ich schließlich auf
sie hörte – und die Reise cancelte. Ein Anruf. Und ich blieb
zuhaus...
Kürzlich
erst kamen die Kameraden zurück. Und? Alles war perfekt gelaufen.
Die Truppe hatte sich weder zerkriegt noch zerstritten. Kein Unfall.
Keine Verletzungen. Kein Aua. Kein Nichts. Nur Friede, Freude,
Eierkuchen. Jeder Tag: Ein einziger Traum!
Endstation Sehnsucht: Der Chimborazo (6.310m)
Seitdem
quält mich der Gedanke, ob ich nicht einen großen Fehler gemacht
hab? Oder etwa alles richtig?
Ja,
ich gebe gerne zu: Dieses Nichtwissen verwirrt mich beträchtlich!
Schlimm. Und keine Antwort auf die Frage: War ich weise? Oder feige?
(Unter uns gesagt: Manchmal scheint es sogar, als ob das fast das
Gleiche ist. Aber bitte, das bleibt unser Geheimnis.)
In diesem Sinne,
Euer C1