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C1-Kolumne

Christian Rödling - Vorstand der IG Klettern München & Südbayern e.V.
C1 Kolumne
Ausgabe 01/2011 vom 10.01.2011

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Endstation Sehnsucht?

Von äußeren Zeichen. Und inneren Stimmen.
Genau 11 Jahre ist es nun her, da trug sich hoch oben am Kilimanjaro (5.895m) folgendes Ereignis zu: Wir waren zu viert damals – 1 Guide, 1 Träger, die Andrea und ich – und wollten gegen Mitternacht über den steilen Vulkankegel zum Gipfel aufbrechen. Die Andrea und ich: Wir waren einfach nur zwei Bergverrückte, die im Übermut beschlossen hatten, doch mal nach Afrika zu fahren, um den Kibo zu versuchen. Gesagt, getan – und da lagerten wir nun, am sogenannten „Arrow Glacier“, nur noch ein paar Hundert Meter vom Gipfel entfernt, als mir die Andrea plötzlich ihre Armbanduhr hinhielt: „Schau mal: Stehengeblieben!? Einfach so...“ (Na und? Tagtäglich bleiben Uhren stehen. Ist doch nix besonderes. Obwohl: Am selben Morgen dieses Tages war schon ihr Geldbeutel verschwunden. Geklaut? Verloren? Vergessen? Wer weiss?)
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Das Camp am Arrow Glacier. Noch 1x schlafen bis zum Gipfel.
Endlich gab es Abendessen. Anschließend gingen wir zum Zelt, um uns noch mal auszuruhen: „Da! SCHAU??!!“ Wie angewurzelt blieben wir stehen. Auf unserem Zelt saß ein riesiger Vogel! Ein großes, schwarzes Riesenviech! Seelenruhig saß er dort droben und wartete auf irgendwas. Selbst unser Guide war ziemlich sprachlos. Diese schwarzen Riesenvögel, erklärte er, die haben hier oben nix verloren. Die kennt er nur vom Flachland unten. Hier oben, auf über 5.000m, gibt´s auch gar kein Futter für die. „Crazy, crazy“ sagte der Träger...
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Hatte das was zu bedeuten?
Gegen Mitternacht dann standen wir auf, machten uns für’n Gipfel fertig. Allein hätten wir niemals den Steig gefunden, der sich durch die Lavabrocken steil zum Kraterrand hoch zog. Senkrecht über uns sahen wir ein Dutzend Stirnlampen wie Glühwürmchen tanzen. Sie gehörten zu jener anderen Gruppe, die eine halbe Stunde vor uns aufgebrochen war. „Pole! Pole!“ Langsam, langsam ging´s dahin. Wie in Trance. In Zeitlupe. Schritt für Schritt den Krater rauf. Urplötzlich kam von da oben ein noch fernes Gepolter! Das sich aber sehr schnell in ein immer lauter werdendes, schrecklich rasendes Donnern verwandelte, wie wenn ein Damm gebrochen wäre – und sich etwas Tonnenschweres nun mit der außer Kontrolle geratenen Wucht eines Dampfhammers in die finstre Nacht ergießt. Oh Gott!!!!!!!!!! Schnell. Bitte. Tu irgendwas! Nur was? Kein Felsblock, kein Baum, kein winziger Hügel, hinter den du dich hättest hinwerfen können. Also warf ich mich einfach flach auf den Boden und legte die Arme über den Kopf...

Dann war wieder Totenstille. Als ob nichts gewesen wäre. Kein Steinchen hatte mich gestreift. Keine Berührung! Nichts. Ich schaute nach den anderen: Den Guide hatte ein Stein in den Rücken getroffen. Nur die Tatsache, dass er einen Rucksack trug, rettete ihm vermutlich das Leben. Der Träger? Röchelte erbärmlich! Sein Anorak war blutgetränkt. Aber es schien nur eine Fleischwunde zu sein. So standen wir da, in tiefster Nacht, allesamt sprach- und fassungslos... und versuchten zu begreifen, dass da noch jemand zwischen uns lag... jemand, der nie wieder aufstehen würde.
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06. Januar 2000
10 Jahre später bekam ich nun die Einladung, an einem Besteigungsversuch des Chimborazo teilzunehmen, des mit 6.310m höchsten Bergs von Ecuador. Was für eine große Ehre! Doch kaum hatte ich zugesagt, geschah etwas ganz Merkwürdiges. Eine innere Stimme wurde mit jedem Tag lauter und riet mir, die Reise abzusagen. Nicht mitzugehen. Daheim zu bleiben! Ein Rat, den ich nur zu gut kannte, gehen doch allen größeren Fahrten immer auch Angstgefühle voraus. Doch die Stimme ließ nicht locker, bis ich schließlich auf sie hörte – und die Reise cancelte. Ein Anruf. Und ich blieb zuhaus...
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Kürzlich erst kamen die Kameraden zurück. Und? Alles war perfekt gelaufen. Die Truppe hatte sich weder zerkriegt noch zerstritten. Kein Unfall. Keine Verletzungen. Kein Aua. Kein Nichts. Nur Friede, Freude, Eierkuchen. Jeder Tag: Ein einziger Traum!

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Endstation Sehnsucht: Der Chimborazo (6.310m)
Seitdem quält mich der Gedanke, ob ich nicht einen großen Fehler gemacht hab? Oder etwa alles richtig? Ja, ich gebe gerne zu: Dieses Nichtwissen verwirrt mich beträchtlich! Schlimm. Und keine Antwort auf die Frage: War ich weise? Oder feige? (Unter uns gesagt: Manchmal scheint es sogar, als ob das fast das Gleiche ist. Aber bitte, das bleibt unser Geheimnis.)

In diesem Sinne,
Euer C1
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10.01.2011 Infos: 089 20003070 oder hg@kletternmachtspass.de
© IG Klettern München & Südbayern e.V. und Heavens Gate GmbH. Stand: 10.01.2011