C1 Kolumne
Ausgabe 08/2010
vom 15.10.2010
Ältere Ausgaben
Die 60. C1-Kolumne!
Kaum
zu glauben aber wahr: „Täterääääääääähhh. Tusch.
Königsjodler“.
Für:
Die sechzigste C1-Kolumne! Was – in Schreibzeit gemessen – in
etwa 120 Tage sind, an es denen es immer „nur“ um das schönste
Thema ging: Die Berge. Das Klettern. Wir und die Halle. 1/3 Jahr lang
jubilieren! Und trotzdem – diesmal kommt keine Freude auf. Denn:
Nicht nur der Kurt Albert ist neulich gestorben. Auch den Walter
Nones hat´s soeben erwischt.
Nanga Parbat, Rupal-Flanke: Die höchste Steilwand der Erde
Walter
Nones? Erinnern wir uns: 2008 war´s, an der Rupal-Flanke am Nanga
Parbat, der mit 4.500Hm größten Steilwand der Erde, da waren diese
Namen plötzlich Tagesgespräch: „Nones/Kehrer“ – erinnerst
dich wieder? In jeder Zeitung standen die drin. Sogar im Radio und
Fernsehen wurde berichtet, vom Drama in der Teufelswand!
Vom Schock gezeichnet: W. Nones (l.)/S. Kehrer
Dazu
schnell die Kurzfassung: Die 3 Südtiroler Elitebergsteiger Karl
Unterkircher, Walter Nones und Simon Kehrer wollen eine neue Route
durch die gefürchtete Rakhiotwand erstbegehen. Aber: Schon 16
Stunden nach Aufbruch kommt es zur Katastrophe. Karl Unterkircher
stürzt in eine Gletschspalte und kann nicht mehr geborgen werden.
Nachdem es den Kameraden gelungen war, einen internationalen Notruf
abzusetzen, nehmen die Medien weltweit am tagelangen Überlebenskampf
der beiden Bergsteiger teil. Denn: Die müssen die Wand unbedingt
schaffen! Ein Umdrehen war an der Todesspalte schon längst nicht
mehr möglich. Zwei Bücher dokumentieren diese Geschichte. Das
jüngste geschrieben von der Witwe Unterkirchers. Und nun – 2 Jahre
später – hat es auch den Nones erwischt. Nicht viel mehr ist zu
erfahren, als dass er wohl allein unterwegs war; und dass es auch ihn
in eine Spalte reingehauen hat. Am Cho Oyu irgendwo, am leichtesten
Achttausender...
Cho Oyu (8.201m), Normalweg
Warum
zieht es so Leute nur immer wieder in die Berge? Trotz allem Elend.
Trotz Familie, Frau und Kinder! Egal, was passiert ist. Sie brechen
immer wieder auf. Einbahnstraßenmäßig. Wie diese Nachtfalter, die
nicht mehr vom Kerzenschein wegkommen können. Mark Twight z.B.
erzählt in seinem sehr guten Buch (mit dem ungelenken Titel „Steig
oder stirb“), dass er im Laufe seiner Karriere zwar an die 40
Freunde und Bekannte verloren hat – doch´s Klettern niemals lassen
konnte; beim Anderl Heckmair steht zu lesen, dass sie oft am Samstag
noch auf den Beerdigungen die Touren für den Sonntag ausmachten;
Reinhold Messner hat nicht nur seinen Bruder Günther verloren
(1970); sondern 1985 auch noch seinen Bruder Siegfried, an den
Vajolet-Türmen. Hans Saler hing mit seinem totem Kumpel im Kaiser
stundenlang am Seil – und kletterte trotz Trauma weiter; der
russische Ausnahmebergsteiger Anatoli Boukreev stirb ein Jahr später
an der Annapurna, nachdem er 1996 am Everest 11 Tote miterlebt hatte.
Usw. Usf.
Aber,
verdammt, was sollst du denn auch sonst bitte machen, wenn dieses
Feuer in dir brennt?! Diese Leidenschaft fürs Klettern! Diese
Besessenheit! Diese Obsession! Wenn du dich, wie der Hans
Kammerlander, als „Bergsüchtiger“ outen musst, weil nichts
anderes auf der Welt deiner Seele Frieden schenkt – und dem Leben
damit Sinn! Ein echter Bergsteiger kann doch nicht plötzlich –
sagen wir: Automechaniker werden; und am Wochenende dann mit der
Chipstüte in der Hand vor dem Fernseher verfaulen?!!!!
Reinhard Karl, Automechaniker
Keiner
konnte davon diesem grausamen Dilemma besser erzählen als der
unsterbliche Reinhard Karl, der 1. Deutsche auf dem Everest. Tödlich
verunglückt am 19. Mai 1982, in einer Eislawine, ganz in der Nähe
vom Nones, am Cho Oyu, verdammt...
C1