Einmal Halle – immer Halle. Oder, anders formuliert: Wer je im Heavens Gate, diesem würfelförmigen Glückstümpel, seinen Herzanker geworfen hat, der/die kann zwar der Halle aus beruflichen, familiären oder sonstigen Gründen schon auch mal den Rücken zukehren. Klar. Und für Monate oder Jahre aus dem Blickfeld verschwinden. Nie mehr auftauchen bei uns. Austreten aus der IG. Doch richtig verlassen können uns so Leute nie. Sie gehen auch nicht weg. Sie sind nur woanders...
..., wie z.B. der Flo Rupp, geb. 1975, der zweifelsohne zu den Ur-Bausteinen unserer Saga gehört.
Genauso gehört diese Brücke zur Geschichte der IG, diese fürchterlich hohe Eisenbahnbrücke über den Inn, die den Flo damals mehr als einfach „nur“ erregte. Ja, zu der er sich eine zeitlang geradezu magisch hingezogen fühlte - fast wie zur Liebe einer Frau.
Legendärer Treffpunkt für Swinger:
Die Wasserburger Teufelsbrücke, mit ihren 40m-Pfeilern.
Nicht wenige Leute werden bestätigen können: Was der Flo tat, das tat er extrem! Mit maximaler Leidenschaft! Manchmal besessen! Bzw. obsessiv. Ganz egal, was gerad das Thema war. Kletterte im VIIIer-Bereich. Lief 80km-Nacht-Marathons (!!!). Konnte saufen wie zwei Pferde. Entdeckte als einer der Ersten überhaupt den Special-Kick des Eiskletterns. Ließ sich vom Tom zum Paragliden verführen – hob ab und flog mal eben 65 Kilometer von Kössen Richtung Pinzgau rüber. Fuhr 2009 zwei Wochen lang im Kajak den kompletten Grand Canyon hinab. Und, last not least: War mal im IG-Vorstand! (Womit endlich klar geworden sein dürfte: Der Flo liebte den Kitzel der besonderen Art.)
Typisch Flo: „Ciao Leute, bin dann mal n Stündchen bouldern...“.
Finale, April ´99. Free solo. Mit Walkman.
Ein Kumpel vom Flo war damals der Herbert – und die 2 ergänzten sich fast schon komplementär. Übertrieben gesagt: Wenn der Flo gar nicht mehr wußte, wohin mit der Power, dann war der Herbert das Phlegma in Tüten. Fast 2 Meter hochgewachsen war der eher schweigsame Herbert. Und: Ein totaler Tranblutler. Wurde ständig überholt vom eigenen Schatten. Notorisch unpünktlich (leider). Dafür aber für jede Schandtat zu haben: Für jede! Deswegen wurde dem Herbert auch immer verziehen. Allein schon wegen seiner tappsigen Art. Wenn der Flo in einem früheren Leben vielleicht mal Huckleberry Finn war, dann war der Herbert die Reinkarnation vom Hustinetten-Bär. Der dritte im Bunde schließlich war Ober-Rasta Markus Frech, der als waschechter Polizisten-Sohn damals wahrlich nichts unversucht ließ, um auch mal Grüne Minna fahren zu dürfen...
Die eheähnliche Freundschaft – oder Symbiose – dieser 3 Wahnsinnsgestalten erblühte in genau jenen Jahren, als man bei Mühldorf eine Adrenalin-Quelle ausmachte, die den Flo – wie schon gesagt – komplett verspulte: Die Rede ist von einer Eisenbahnüberführung am Inn, die – Nomen est Omen – im Amtsdeutsch auch noch „Teufelsbrücke“ hieß. Aber genauso wie man heutzutage schon längst nicht mehr ins Heavens Gate geht, sondern nur, kurz, in die Halle, fuhr man damals nur zur Brücke, jawohl - und jedes verdammte Zipfelgesicht wußte Bescheid! Vor allem, um was es dort halt einzig & ausschließich ging: Nämlich, sich mit schlotternden Knien und vor Angst halb vollgeschissenen Hosen einen Schädel-Gong hoch 5 zu setzen.
„It´s fun Mum, don´t worry!“
Jaja, das sog. „Brückenspringen“ also erlebte seine Blüte gegen Ende des letzten Jahrtausends; und es verging kein Wochenende damals, an dem eben nicht irgendeine Truppe von der Halle aus aufbrach und zur Brücke rausfuhr.
Der Flo war damals voll der Chef. Klar: Weil er das Equipment hatte. Weil er wußte, wie die Sicherung ging. Und vor allem, weil er auch diesen Flaschenzug aufbauen konnte, um die Damen und Herren dann aus dem Abgrund wieder raus und auf die Brücke hochzuziehen. Aber auch was Stil & Flugshow anbetraf, gab der Flo stets neue Schwierigkeiten vor, die irgendwann so waghalsig wurden, dass nicht mal mehr der Kalle* mithalten konnte – und das wollte bei Gott einiges heißen! Saltos z.B. sprang der Flo in jeder nur denkbaren Art: Gehockt, gestreckt, gebückt, gekrümmt, geschraubt, gemischt, gerührt oder geschüttelt. 1, 2, 3, 4, 5, 6 hintereinander. Stumm. Oder mit Schrei. Solo. Im Paarsprung. Vom Brückenpfeiler. Von der Brücke (untere Ebene). Und schließlich auch von der oberen Ebene, was dem ganzen Monsterwahnsinn nochmal 10 Meter Absturz extra bescherte.
Hauptsache weg von der Strasse. Ganz links: der Flo.
Nach mehreren tausend Saltos kam dem Flo dann die Idee, dass man dem Ganzen ja noch eins draufsetzen könnte: Mit einem Seil aus Gummi nämlich, das eben Senkrechtsprünge zuließ, statt nur solche ollen Swings. Und weil´s das nicht zu kaufen gab, erfüllte er sich der Flo seinen großen Traum vom eigenen Bungeeseil eben selbst, indem er sich ein 40 Kilogramm schweres und 13 Meter langes Gummiband (für Trampolins) kaufte, dieses in seine Einzelteile aufdröselte, dadurch über 1000 Einzelstränge gewann – und diese dann in einer einwöchigen Aktion völlig neu wieder zusammenflocht. Als Ergebnis sollte ein massgeschneidertes Bungee-Sprungseil herauskommen dabei, das um die Fußknöchel geschlungen wurde, so dass sich der Flo damit nun endlich auch Kopf voran ins Grauen stürzen konnte. Kurz: Die Herausforderung war, die Gravitationskräfte und damit die finale Seillänge genau so zu berechnen, dass sich der Gummi bei einer mit 9,81m/s2 beschleunigenden Masse m nur knapp bis zum Grounder ausdehnen würde, sich die Zugkraft schließlich umkehrt – und die Masse m, also den Flo, in letzter Sekunde zurückschnalzt ins Leben. Der Markus und der Herbert führten die komplexen Berechnungen durch, dabei half ihnen ihr Daumen, die Zahl pi und der Energiesatz, der in jeder Formelsammlung steht...
Swinger im Glück
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Der Flo, der Herbert und der Markus also brachen eines Tages auf, um den in mühevollster Handarbeit hergestellten Prototyp endlich, endlich live zu testen...
Um es gleich vorweg zu sagen: Flo´s Gummiseil war grandios! Perfekt berechnet. Die Sprünge: Der Hit! Einer wie der andere. So unvorstellbar „geil“ sogar, dass es dem Flo ein echtes Anliegen war, seine Kumpels auch mal in diesen unbeschreiblichen Genuss kommen zu lassen. Als Geschenk der Freundschaft quasi, das der Herbert als erster gern annahm. Und weil der Herbert ja auch nur doppelt so schwer war wie der Flo, und der Flo nur halb so groß, musste man ja auch nur die Aufhängung ein bisschen versetzen, um die Erdanziehung auszugleichen: Bingo – die Lösung! Gesagt, getan. Alles wurd´n bissel höher montiert. Der Herbert sprang, im Seemannshecht. Und dann kam´s halt, wie´s kommen musste: Der Bremspunkt war schon bald erreicht, der Gummi fing an sich zu dehnen. Und deeeehnte sich. Und deeeeeeehnte sich. Und hörte sich nicht auf zu deeeeeeeeeeeeeehnen, während sich der kühne Herrmann, Kopf voran und in Zeitlupe fast, dem Wasser stetig näherdeeeeeeeeeeeeeehnte...mit den Armen fuchtelnd das Wasser berührte...und eintauchte... oh weh...erst mit dem Kopf...dann mit den Schultern...jetzt schon bis zum Hosenbund...der Herbert: im Inn...um dann, endlich, in letzter Sekunde:...mit einem Ruck zurück aus den Fluten zu schießen, wieder ans Licht, völlig durchweicht, an einem Gummischnürl hängend, wie ein Riesen-Tampon...
Tja, gerade noch mal gut gegangen! Ums Arschlecken geradezu. Wie irgendwie alles, damals, beim Flo. Aber man wird halt auch irgendwie älter. Reifer. Satter. Klarsichtiger. So dass man „die Zeichen“ schlussendlich auch mal als Warnung erkennt – und sich zu entwöhnen beginnt vom Adrenalin. Sich anderen schönen Dingen zuwendet. Wie der Schreinerei z.B., was man dem Flo auch nicht verübeln kann! Ist ja nicht weg. Ist nur woanders...
In der 50-60° Grad steilen, 600m langen Taschachnordwand z.B., die der Flo auch heute noch jedes Jahr 1x free solo begeht.
Text: C1
© Fotos: Flo, Tom, C1